Plötzlich Nichts

Eigentlich war da immer was. In der Schule waren es die zwei Stunden Kunst pro Woche, die mir die restlichen dreißig als milde verkaufen konnten, auch wenn ich mit meiner Kunstlehrerin nie geschlafen habe, wie behauptet wird. Im Beruf war es mein Chef, der mich vor dem Kunden fragte, wie ich das Problem lösen würde und nach meiner Antwort sagte, ok, so machen wir das. Zu dem Zeitpunkt war ich im ersten Lehrjahr und hatte noch Flügel.

Selbst an der Uni, einem zugegebenermaßen kurzen Gastspiel, gab es Leute, die mich hinter die Fassade der Professur blicken ließen. Menschen, die mir den Mut dazu gaben und das Handwerkzeug, die Welt zu entdecken. Da waren Freunde, zwischen Bier und Bong, die mir die Welt als Paradies verkaufen konnten. So, dass ich es ihnen glauben konnte. Irgendwie war da immer was.

Da war zum ersten mal Hesse, zum ersten mal Kafka, zum ersten mal Mann. Und ich weiß gar nicht mehr, ob es Zauberberge oder Steppenwölfe oder der Gedanke, kritisch betrachteten Vernunftbürgertums war, die mich verzaubert haben. Da war auf jeden Fall etwas. Ja, auch wenn ich mir bei Dostojewski nie die Namen merken konnte.

Da war das erste mal Fliegen. Der Punkt, wenn du mit deinem Skateboard über die Rampe gesprungen bist und den Scheitelpunkt erreichst. Dort, wo die Welt stehen bleibt. Dort, wo Fliehkraft und Gravitation im Momentum gefangen sind. So lange jedenfalls, bis du zum ersten Mal in ein Mikrofon schreist und dein eigener Widerhall, aus den Boxen hinter dir, dich umzureißen droht. Klar, du weißt, deine Freunde lassen dich das nur machen, weil sie dich lieb haben, nicht, weil du wirklich singen kannst. Aber egal, das war noch was.

Und da war dieses disedireske Stoßgebet Max Ehrmanns, das sich so wohlig warm unter meine Gene gemischt hatte und das ich heute, Jahre später für mich wieder entdeckt habe. Nicht, weil 68 zu Hause Standard war, sondern weil ich früh meine Flügel gepflegt habe. Das war noch was.

Und nun? Meine Flügel hängen mir zerrupft und zerfleddert, gestutzt und lahm herunter. Kein Traum, so scheint es, den ich noch leben könnte, kein Gedanke, der mich das Momentum am Scheitelpunkt noch einmal erleben lassen könnte. Kein Spiel, das noch gespielt werden will. Die Welt präsentiert sich aschfahl.

Aschgrau, Steingrau, Mausgrau … Wirklich? Nein. Ich habe einen sehr schönen Garten, auch wenn er viel Arbeit macht und ich mehr Gemüse als Blumen habe. Ja, ich weiß, die haben so etwas Frisches. Wenn ich die Augen schließe, reise ich an Orte, um die mich andere beneiden würden, wüssten sie, dass sie existierten. Keine Frage, ich darf mein Leben als geküsst verstehen.

Wo aber steht man, wenn man nach all dem Erlebten, nur noch Erinnerungen in sich trägt und der Zukunft – seit Jahren – jede Existenzberechtigung rauben möchte? Was bleibt, wenn man fünf Jahre lang einen Plan hatte, der am Ende aufgeht? Was, wenn alle Rechnungen bezahlt sind? Woher soll dann der Ansporn kommen?

Nicht, dass ich falsch verstanden werde, ich bin nicht suizidal. Keineswegs. Aber was passiert, wenn man die letzte Tür schließt und eigentlich davon ausgeht, dass sich nun Erfüllung einstellen müsste und stattdessen die Leere auf einen eindrischt? Wie reagiert man da? Jemand ne Ahnung? Früher war mehr Lametta.

Nein, ich hätte meine Krankenakte aus dem Jahr 2005 heute wirklich nicht lesen sollen.
Aber auch das war doch irgendwie was!


Der Erfolgs-Klon

Wir lernen seit Jahren eine neue und angepasste Form der Kommunikation, eine neue Sprache, die uns modern erscheinen lässt, aber uns doch auch gleichförmig macht. Wir diskutieren mithilfe von Flipcharts und – über das Smartphone gestreamte – Power-Point-Präsentationen und finden, dass selbst für die einfachsten Dinge der Welt ein Tortendiagramm, mindestens aber zwei mit Schlagworten beschriftete Achsen, als Verdeutlichung herhalten sollten. Ach, und Pfeile mögen wir auch. Sie haben so etwas wichtig und richtig Erscheinendes und leiten und leuchten uns hübsch die Wege von Problemen zu Lösungen und von Ursache zu Wirkung und von der Idee über die Durchführung, bis hin zum Resultat.

Die Abstraktion, die unser Gehirn spielend hinbekommen sollte, funktioniert in dieser neuen „Sprache“ scheinbar nur noch visualisiert. Zwei Kreise werden dynamisch mit verschiedenfarbigen Filzstiften auf die Folie gekritzelt, der sich überlappende Bereich wird schraffiert und wir haben eine Visualisierung einer x-beliebigen Beziehung zweier Menschen oder Gruppen, politischer Koalitionen oder eine Abgleichung relevanter Zielgruppen mit bereits umgesetzter, marketingstrategischer Zielsetzung. Um nicht zu eindimensional und missverständlich zu wirken, malen wir noch zwei weitere Kreise mit größerer Schnittfläche darunter, um zu verdeutlichen, dass es hier fallspezifische Verschiebungen und unterschiedliche Größenordnungen geben kann und wird. – Entschuldigung, wenn ich hier schon einhake, aber das schafft unser Kopf auch noch ohne bebilderte Anleitung.

In Seminaren, die sich mit dem direkten Gespräch befassen, lernen wir, wie wir erfolgreich kommunizieren, obwohl wir uns wohl nie eingehend damit beschäftigt haben, was das eigentlich genau heißt. Sicherlich haben wir eine Vorstellung davon, was es für unseren Einzelfall bedeutet, bzw. welche Disziplinen wir vertiefen, verbessern und vielleicht sogar meistern wollen. Aber was genau bedeutet eigentlich „Erfolg“? Was macht „Kommunikation“ aus? Und wie bringen wir diese beiden Dinge so zusammen, dass die Bedeutung größer als die Summe ihrer Teile wird?

Spielend können wir trainieren, unsere Körperhaltung zu verbessern, den Blickkontakt zum Gegenüber zu wahren, inhaltlich pointiert und möglichst noch mit klugem Einsatz unserer Gesichtsmuskulatur an den richtigen Stellen zu überzeugen und dabei stets zu wissen, wann ein bestimmtes und akzentuiert gesetztes Pronomen das Nähe-Distanz-Verhältnis zu unseren Gunsten verschieben kann. Wir lernen unsere Manipulationstechniken zu verfeinern. Und was uns eigentlich nur noch davor bewahrt, größenwahnsinnig zu werden und die Welt mit diesen neu erworbenen Fähigkeiten beherrschen zu wollen ist, dass unser Gegenüber die gleichen Seminare, Kurse und Workshops besucht hat. Wir haben also nur gelernt, um überhaupt nur Schritt halten zu können. – Und hier beginnt sie, die schöne, neue Welt.

Wir kommunizieren fortan unter Konventionen und Absprachen, sind stets im Bilde über unsere Außenwirkung, arbeiten dabei im Kopf unsere gelernten Kommunikationsformeln ab, während wir ruhig durch den Bauch atmen und dabei die Schultern in gerade Pose werfen. Wir kommunizieren nicht mehr individuell, sondern mit jeder Zelle erfolgsorientiert und nach Plan und erfüllen dabei die gesellschaftliche Erwartungshaltung. Das Individuum hat in dieser Form der automatisierten Kommunikation keinen Raum mehr, der für den Erfolg dienlich sein könnte. Wir haben eine neue Sprache gemeistert und müssen nun eigentlich nur noch ein bisschen Obacht geben, nicht der Schizophrenie anheim zu fallen!

Und genau hier, wo durch eine stille Übereinkunft etwas im großen Rahmen „funktioniert“, stelle ich noch einmal die Frage nach einer „gelungenen“ oder „erfolgreichen Kommunikation“. Wie erfolgreich (und vor allem nachhaltig) ist eine Kommunikation, wenn das Selbst und das Ich hinter der Fassade aus Übereinkünften und vorprogrammierten Gesprächsabläufen, mit Gebärden-Blaupausen angereichert, nur noch eine untergeordnete, oder – im schlimmsten Falle – überhaupt keine einflussnehmende Rolle mehr spielen kann, wird und darf? Oder noch anders gefragt: Kann mein neues alter ego einen Funken entfachen, der mein Ich verbrennen lässt?

Ich kenne mich mit einem Burnout nicht sonderlich gut aus, aber es scheint mir doch durchaus daran gekoppelt sein zu können, Bedürfnisse vernachlässigt und sich in einer Welt des Neusprechs verloren zu haben. Mein verstecktes Ich würde jedenfalls und vermutlich auch durchdrehen, wenn mein anderes Ich den ganzen Tag über Dinge reden müsste, die meiner eigentlichen Natur fremd wären, oder ihr sogar widerstreben. – Vielleicht erklärt sich ja auch dadurch, warum ich so gern eine obszöne Beschimpfung neben ein wohlklingendes Fremdwort setze und eine deutlich spürbare Distanz zwischen „mir und mir“ versuche, aufrecht zu halten.

Jemand, der sprachliche Entgleisungen nicht nötig hat, um sein Ich zu schützen, ist Johanna Schoener, die vor einem knappen Jahr etwas sehr Treffendes getextet hat, das ich erst heute entdeckte, und das mich zu diesen kurzen Zeilen verleiten ließ:

„Als ich auf dem Heimweg mit dem Rad durch einen Laubhaufen fahre, würde ich das am liebsten noch ein paarmal wiederholen. Weil es so schön raschelt und zu überhaupt nichts gut ist.“

Diese Stimme in uns kennen wir alle. Und genau diese Stimme sollten wir häufiger zu Wort kommen lassen.

Wohl dem, der sie überhaupt noch hören kann.

In diesem Sinne,

Ingo


Wo ist das Licht?

Tja, wo ist es denn, das Licht? Schwer zu sagen. Vielleicht hilft es, die Gegenfrage zu stellen: Wo ist das Licht denn nicht? – Da kann ich seit Sonntag Abend wenigstens zwei Orte nennen, an denen sich kein Licht befindet. Zum einen wohnte es offenbar nicht im Herzen einer Frau und zum anderen befindet es sich nicht an meinem Fahrrad.

Dass ich an meinem Fahrrad das Licht nie einschalte, hat zwei Gründe. Zum einen fährt sich ein Rad mit schleifendem Dynamo extrem schlecht und zum anderen kann ich ohne diesen bescheuerten Lichtkegel in der Dunkelheit wesentlich besser sehen. Klar, einen Pfennig werde ich nicht auf dem Fahrradweg erkennen können, dafür aber den etwas größeren Teil meiner Umwelt umso besser.

Angewöhnt habe ich mir das bewusste Fahren ohne Licht, als mich die Erkenntnis übermannte, jederzeit im Straßenverkehr für meine Mitmenschen mitdenken zu müssen. Sie verhalten sich oft einfach so unkontrolliert, irrational und hirntot, dass ich meinen Fokus nicht nur auf den kleinen, beleuchteten Teil des Weges richten möchte, sondern den im Schatten eines Eingangs stehenden Kerl außerhalb meines Lichtkegels frühzeitig wahrnehmen können mag.

(Und falls nun jemand oberlehrerhaft daherkommen sollte, um mir zu sagen, dass sich die Menschen nur deshalb merkwürdig verhalten, weil ich kein Licht anhabe, dann sinnieren wir gemeinsam nochmal kurz über den Menschen als solches, lachen kurz darüber und verabschieden uns von dem Gedanken, dass ein Mensch selbst in der Nähe des Lichtes ein zurechnungsfähiges Wesen sei.)

An besagtem Sonntag erlebte ich nun etwas, das ich in einer Großstadt eigentlich so noch nie erlebt habe. Fröhlich auf dem Radweg radelnd, drosselte ich mein ohnehin nicht hohes Tempo, weil ich eine junge Kleinfamilie in einiger Entfernung wahrgenommen hatte. Der junge Spross der Dreierbande konnte sich nur rudimentär auf eigenen Beinen fortbewegen, so dass er in der Dunkelheit ein leichtes Ziel gewesen wäre, wenn ich eine Familienidylle hätte zerstören wollen. Wollte ich aber nicht. Will ich eigentlich auch nie. Glaube ich.

Eigentlich war alles komplett unter „Kontrolle“, lange bevor mich die Familie (ob meiner mangelnden Beleuchtung) überhaupt wahrgenommen hattte. Wie erwähnt: Unter meiner Kontrolle, denn auf die ist erfahrungsgemäß mehr Verlass als auf stolze Väter, unkontrolliert torkelnde Kinder und verliebt und der Welt entrückt blickende Mütter, die gerade kein Bedürfnis an „Umgebung“ haben. Plötzlich jedoch, als ich mit gebührendem Abstand langsam angerollt kam, erspähte mich der Vater, riss die Augen weit auf, krallte mit panischer Hektik sein Kind und presste es eng an seinen Busen. Gott, hatte der Mann eine Angst in den Augen!

Die Frau, die mit der Hilflosigkeit ihres Mannes wohl gut vertraut sein musste, ergriff die Initiative und rief mir jene philosophisch anmutende und nicht für eine kurze Begegnung geschaffene Frage entgegen: „Wo ist das Licht?“ – Wäre ich nicht so fasziniert von diesem völlig erschrockenen Mann gewesen, der sein Kind offensichtlich nur in kugelsicherer Weste im Sandkasten spielen lässt, hätte ich wohl mit „Jesus!“ oder „Am Ende des Tunnels!“ geantwortet. So war ich jedoch zu verwirrt und mit dem Gedanken beschäftigt, ob mir vielleicht Hörner gewachsen seien, oder von der letzten Bolognese noch Reste aus dem Mundwinkel tropften, die – mit einiger Fantasie – in der Dämmerung an Fleischbrocken und Blut hätten erinnern können.

Der verschreckte Mann gibt mir noch heute zu denken. Ich meine, war der zum ersten mal in einer Stadt? Kannte er Räder nicht? Oder andere Menschen? Was hat den denn um Himmels Willen so heftig reagieren lassen? Was macht der denn, wenn mal ein zünftiger Windstoß kommt? Und überhaupt: Geht es ihm mittlerweile wieder besser?

Ich hoffe es doch sehr, dass er sich erholt hat. Und ich möchte meine ausdrückliche Bitte hier verewigt wissen, mir für mein unsoziales und leichtsinniges Verhalten zu verzeihen. Aus seiner Sicht war ich ein Risiko und daran lässt sich auch nicht rütteln. Dennoch möchte ich bei allem Schuldeingeständnis auch ein paar Kleinigkeiten zu bedenken geben. Quasi als Rat ohne Schlag:

Lieber schreckhafter Mensch mit Herzkasperpotential,

es ist unklug, seinen Erstgeborenen die ersten ungelenken Gehversuche in der Hannoveraner Innenstadt machen zu lassen! Vor allem, wenn die Dämmerung bereits fortgeschritten ist und man von sich selbst weiß, dass man zur Hysterie neigt. 

Ferner wäre es lieb, wenn du deiner Frau ausrichten könntest, dass ich den zeitlichen Rahmen unserer Zufallsbegegnung als zu knapp bemessen befunden habe, um die Frage zu klären, „wo denn das Licht sei“, bin mir aber sicher, dass es an anderer Stelle eine ergiebige und fruchtende Diskussion darüber hätte geben können!

Sollte sie jedoch wider Erwarten meine nicht vorhandene Fahrradbeleuchtung gemeint haben, so bitte ich, ihr nachträglich mitzuteilen, dass mein etwas simpel gestricktes Hirn Fragen mit viel Interpretationsfreiraum nicht so schnell in den Realitätsbezug einordnen kann. Tipp: Ein „Ey, Arschloch, mach‘s Licht an!“, wäre hier zweckdienlicher gewesen und wäre von mir vermutlich auch nicht mit den Gedanken um Elementarteilchen und die Raumkrümmung, sondern mit einem „Sorry, kaputt!“ erwidert worden. 

Auch wenn deine Aufmerksamkeit schon überstrapaziert scheint, so möchte ich die Gelegenheit dennoch ganz eigennützig missbrauchen, um eine letzte Bitte loszuwerden:

Vielleicht könntest du deiner Frau in einer ruhigen Minute einmal mitteilen, dass sie einen eher abstoßenden Unterton in ihrer Stimme trägt, der es potentiellen Gesprächspartnern schwierig erscheinen lässt, angemessen und gesellschaftskonform zu reagieren. Es fördert einfach den unkomplizierteren Umgang miteinander, wenn man sich beim Kontakt mit Menschen ein bisschen Mühe gibt, auch wenn der Fehler eindeutig beim Gegenüber – hier also mir – liegt. Es gibt zu viele Menschen, die bei einem harsch wirkenden Tonfall eher geneigt sind, ihre Antwort ebenfalls harsch zu formulieren. – „Du verranzte Ökofotze, lass deinen eurythmieverseuchten Genmüll gefälligst nicht seinen Namen auf dem Gehweg tanzen!“ fiele mir da beispielsweise ein. Aber das habe ich natürlich nicht gedacht. 

Ehrlich nicht.

Liebe Grüße,

Ingo


Bratwurst im Zoo

Schlechte Nachrichten…

Ja, wohl wahr. Ziemlich schlechte Nachrichten. Weder die Glatzen-Uschis mit ihrem Hang zum menschenverachtenden Destruktiven, noch die bärtige Fraktion der Eierlosen wollte mich haben. Eierlosen? Jup, wer Frauen verhüllt und Zwängen unterstellt, kann soviel Manneskraft und Selbstsicherheit nicht besitzen. – Käfige für Frauen! Bevor die Welt merkt, dass sie vielleicht klüger sind als der nachchristliche Durchschnitts-Patriarch.

Verzweifelt, aber immer noch irgendwie frohen Mutes, habe ich also die Extreme, die sich eigentlich doch immer über Zulauf freuen müssten, hinter mir gelassen und schwenke nun um auf profanere und unpolitischere Ebenen. Heute habe ich mein Fressenbuch-Profil nach Monaten der Abwesenheit aktualisierst und schon formte sich der logische, nachvollziehbare und vermutlich notwendige Gedanke, ob ich bei meiner Sinnfindung nicht in Erwägung ziehen sollte, Facebook-Schlampe zu werden!

Der Drang, wenn ich Körner-Müsli zum Frühstück hatte, darüber zu berichten, ob es beim Scheißen ploppt, ist ziemlich verführerisch, wie mir scheint. Losgelöst vielleicht von dem Gedanken, dass ich Müsli nicht mal anrühren würde, auch wenn es das letzte verdorrte Pflänzlein in der Wüste wäre, das mich speisen könnte. Egal, die Botschaft ist wichtig!

Neulich zum Beispiel, also neulich eben, ja, da hab ich tatsächlich durch die dünnen Wände meiner Wohnung gehört, wie mein Nachbar gefurzt hat. Ehrlich! Was für ein Brüller, oder? Moment, moment, geht noch weiter! Der Gag kommt erst noch. Der Nachbar ist ne Nachbarin! Geil, oder? – Ich dachte ja selbst noch: „Ne, jetzt mal ehrlich, das kann die doch nicht bringen…“, aber tatsächlich, sie hat‘s gemacht! – Und da meine ungeborenen Kinder gerade keinen Schluckauf hatten, hab ich dann halt das gepostet. 

Überhaupt. Man sollte viel, viel mehr „Persönliches“ schreiben in dieser großen, weiten Internetwelt! Millionen von Server warten nur darauf, mit Informationen über den Stuhlgang, die neusten PMS-Erkenntnisse und die schlussendliche Analyse, wie Sperma wirklich schmeckt, gefüttert zu werden. Wirklich! Voll salzig, echt mal! Cremig, Alter!

Mir fällt, bei dem Sinnieren über den Allgemeinzustand der Herrenrasse, einer der wenigen guten Tweets ein, den ich gelesen habe:

„Bratwurst im Zoo. Versteh einer die Menschen.“

Leider findet man solch herrliche Einzeiler zu selten. Die kürzliche Menopause und der letzte Samenstau verhindern es. Schade, eigentlich …

 


Land in Sicht!

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wohin mich mein Weg in den nächsten Monaten führen wird. Doch es scheint die Zeit gekommen, die Zeit für eine signifikante Veränderung.

Den ursprünglichen Gedanken, in die Kommunalpolitik zu wechseln, habe ich mir spätestens mit dem Sommerloch und den damit verbundenen, sonntäglichen Interviews im „Zweiten“ wieder abgewöhnt. Ich habe keine Lust, mit lauter 2.0-Versionen eines Gerhard Schröders, die Rhetorik, Außenwirkung und Polemik höher schätzen als Inhalte, die Welt auch nur im Kleinen zu verändern.

Wenn ich mir beispielsweise eine Diskussion zwischen dem Erzengel Gabriel und Frau Roth-aber-Grün vorstelle, kommt mir schlagartig das Bild einer Speedmetalband, die mit Kreischen, Zetern und Schreien den Lärmpegel und das Stimmengewirr auf einem türkischen Basar zu übertönen versucht, in den Sinn. Da halte ich es dann gern mit dem mahnenden Satz der 68er-Generation – „Wer schreit, hat unrecht!“ – und entziehe mich der unkultivierten Streithähne, in der Hoffnung, sie schrieen nur aus oppositionellem Drang und Zwang heraus und verschonen bei einem möglichen Treffen unsere Freunde in der Welt mit ihrem Gebaren und ihrem eigenen, um sich selbst rotierenden Kosmos.

Das Parteiensystem scheint mir in der Moderne für Lösungen also nicht mehr sonderlich geeignet und so musste ich mein, durch Hitze sehr angeschlagenes, Gehirn bemühen, einen möglichen anderen Weg für meine seliger machende und glücklichere Zukunft zu finden. Und was soll ich sagen? Ich wurde nach kräftezehrender, aber hoffnungsverbreitender Suche fündig!

Im Grunde wurde ich sogar gleich doppelt fündig, denn wie es ausschaut, bieten sich auf dem Weg meiner Selbstfindung zwei Stationen geradezu an, die verlockender nicht sein könnten. Um es kurz zu machen: Ich habe entschieden, dass ich entweder Nationalsozialist oder Salafist werde. So sieht‘s aus, Kameraden und Brüder!

Man muss, weil es vielleicht auf den ersten Blick etwas merkwürdig klingen mag, verstehen, dass der Rassenhass, die eigene Erhöhung, die Ausgrenzung des Fremden und die wunderbare Erfüllung, die einzige und richtige Wahrheit gefunden zu haben, bislang in meinem Leben eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben. Umso verständlicher, dass (dem folgend) meine Neugierde hier am stärksten ausgeprägt sein kann und wohl auch darf. Es hat seinen unbestrittenen Reiz!

Zum Nationalsozialismus zieht mich vor allem natürlich der Gedanke, einmal auszuprobieren, komplexe Gedankengänge zu vermeiden und eine klare Vorstellung von „Gut und Böse“ zu haben. – Allein die Tatsache, dass ich im Dialog mit Barack Obama am Ende seiner eloquenten und vielleicht sogar nachvollziehbaren Aussagen entgegnen dürfte: „Hübsch gebrüllt, King Kong! Aber wir sind uns doch einig darüber, dass deine Meinung als Stellvertreter der Neger und Untermenschen nicht relevant ist, oder?“, scheint mir ein erstrebenswertes, bislang ungehörtes Bedürfnis zu sein.

Dem gegenüber stehen die nicht minder verlockend wirkenden Verheißungen der Religion und der Salafisten. Wenn ich mir vorstelle, nur ein einziges Buch zu brauchen und damit sämtliches Wissen und eine adäquate Grundlage für Entscheidungen zu haben, werde ich schwach. Ehrlich. Das hat so etwas von einem Dr. Faust, bei dem die Zeugen Jehovas klingeln. Die Fragerei hat nach der Einstiegsfloskel und dem kurzen „Stimmt…, jetzt, wo Sie‘s sagen…!“ ein Ende und das Buch wär nie über 30 Seiten hinaus gekommen. –

Darüber hinaus ist der Faust ja auch recht nah an den Sala“fist“en. Wobei ich, wenn ich mir länger darüber Gedanken mache, auch auf eine andere Auslegung kommen könnte. Wenn ein Asiat, dem man den Umgang mit dem „r“ ja in der Komödie nicht zutraut, also „Salafisten“ sagt, meint er vermutlich „Sara fisten!“. Arme Sara, aber zurück zum eigentlichen Gedanken.

Wobei… wenn ich schon den Schlenker gemacht habe, dann kann ich vielleicht noch die Frage stellen, die mich brennend interessiert:

Bei diesen Strenggläubigen, denen ich vermutlich bald beitreten werde, wenn ich nicht lieber einen finsteren Blick aufsetzen und „Deutschland erwache!“ rufen möchte, was eben noch nicht so ganz sicher ist… also… wenn ich also beitreten und nach meinem hoffentlich recht bald folgenden Märtyrertod meinem Adoptiv-Schöpfer entgegen trete, bekomme ich ja 72 Jungfrauen, die sich vermutlich nicht gegen meine (wie man weiß, unglaublich ausgeprägten) männlichen Triebe wehren dürfen, wenn ich das richtig verstanden habe, oder?

Nun wäre meine dringliche Folgefrage: Wenn der Tod (in der für mich neuen und erstrebenswerten Religion) ähnlich endgültig und ewiglich ist, wie ich es aus meinem verachtenswerten, protestantischen Dasein gewohnt bin, als „wie lange“ ist denn die „Ewigkeit“ dann definiert? Oder anders ausgedrückt: Steht die „Ewigkeit“ in einem indirekten oder sogar direkten Bezug zu der Halbwertszeit der 72 Jungfrauen? Wie lange muss ich mit denen auskommen? Und überhaupt… zählt Mutter Theresa bei euch auch vom Prinzip her als „Jungfrau“?

Ihr seht, es ist schwierig, einen Weg zu finden. Vor allem natürlich, wenn die Alternative großartig klingt und noch viele, wichtige Fragen offen sind. Am allerschlimmsten aber ist die Vorstellung, dass wenn ich mich für einen von euren Vereinen entschieden habe, den anderen wohl oder übel hassen lernen muss.

Doch ich wäre wohl schwach im Geiste, wenn ich dies nicht als Prüfung auffassen würde.

Hass oder Hass? Da fällt die Wahl wirklich schwer.


Zutaten: 2 Präpositionen

Mein RSS-Reader spuckt mir allmorgendlich die schönsten Neuigkeiten komprimiert und übersichtlich aus. Ich mag ihn sehr! Neben den Schlagzeilen aus Politik, Gesellschaft und Netzkultur habe ich auch einen kleinen, aber feinen Liebling abonniert, der mir frühmorgendlich das „Rezept des Tages“ präsentiert. – Gerade für jemanden wie mich, der am Vortag nie sagen könnte, was er am nächsten Abend zu essen gedenkt, bedeutet solch ein morgendlicher Hinweis oft den nötigen Tipp oder die entscheidende Idee für ein gelungenes Abendmahl.

Allerdings hat dieses Rezept gelegentlich nicht nur den willkommenen „Oh-das-könnte-ich-ja-auch-mal-wieder-machen-Faktor“, sondern gebärt zudem immer häufiger auch einen freudigen Gluckser, der mir den Einstieg in den Tag versüßt. (Jedenfalls dann, wenn ich nicht freudig glucksen muss, während ich gerade einen Schluck Kaffee im Mund habe…)

Die vermutlich ungewollte Komik trifft mich immer kritisch dann, wenn die Einzelteile eines gut ausbalancierten Mahls mit Präpositionen verbunden werden, die so überzogen klingen, dass ich mir unweigerlich die Frage stelle, ob es Köche sein mögen, Kunstschaffende oder Werbefachleute, die mir das Gericht verkaufen wollen. So konnte ich kürzlich als Rezept des Tages lesen: „Lachs im Zucchinimantel an Minz-Tzatziki“.

Jetzt muss man sich vorstellen, wie solch ein Rezept auf jemanden wirkt, der aus einer Zeit kommt, in der Fernsehköche noch keine Superstars waren und wie Pilze aus dem Boden schossen. Bei uns zu Hause benannte man zunächst den „Headliner“ des Gerichtes und kündigte die Beilagen mit einem beiläufigen und schnöden „und“ oder „mit“ an. So heiß es beispielsweise trocken und deutlich: „Schnitzel mit Möhrchen und Pommes“ und nicht etwa „Eine Kalbskomposition aus der Oberschale im Backwarenmantel an jungem Wurzelgemüse auf einem Futon aus Mikado“ oder ähnlich schräg.

Mir ist schon klar, dass solch überzogene Namen vielfach dazu benutzt werden, in überteuerten Restaurants, der Oberschicht die Kreuzer aus der Tasche zu leiern. Und irgendwie habe ich ja auch Verständnis dafür, dass wenn Küchenchef Horst sich in der Öffentlichkeit nur mit „Jacques“ oder „Pierre“ anreden lassen muss, weil es hipper klingt, auch die Speisebezeichnung eine Generalüberholung erfährt. Und für Jacques und Pierre finde ich es auch nur fair, dass jemand, dem „Kartoffelpuffer mit Apfelmus“ nur schmecken, wenn er sie als eine „Liaison zweier Sünden des Paradieses“ präsentiert bekommt, (weil‘s noch ne Spur besser klingt als „Erdapfel an Boskop“,) auch dafür blechen soll!

Etwas übertrieben scheint mir aber, wenn plötzlich die Chemnitzer Hausfrau Rita auf die Idee kommen sollte, ihre Speisen ähnlich zu präsentieren. Da wird und wirkt es dann doch irgendwie ein wenig überzogen. Vor allem hinsichtlich der Tatsache – wenn wir bei obigem Beispiel bleiben wollen – dass (die zweifelsohne sehr sympathische) Rita einem gewöhnlichen Wald- und Wiesen-Tzatziki ein paar geschnetzelte Minzblätter beigibt und damit einem kalt angerührten Dipp (der Schwierigkeitsstufe Null) die Suggestion höherer Kochkünste verleiht, indem sie es als „an Minz-Tzatziki“ kredenzt. Ein Wunder, dass sie das Tzatziki nicht auch noch aufdröselt und ein „Mit Knoblauch parfümierte Gurke an Yoghurtkulturen“ daraus macht.

Ich weiß, ich weiß, ich beweise wieder einmal nur eines mit meinen Worten: Mir mangelt es deutlich an Kultur! Aber bitte, liebe Hähnchen-mit-Messer-und-Gabel-Esser, räumt mir dann in meiner proletarischen Unwissenheit auch ein, dass ich belustigt sein darf, wenn ich euch in Anzug oder Abendkleid beim Austernschlürfen beobachte. Solche Gebärden und Geräusche gehören für mich nämlich ins Schlafzimmer und nicht in die Öffentlichkeit!

Aber zugegeben: Mich hat das ganze trotz aller Belustigung abschließend auf eine ziemlich gute Idee gebracht. Mir schwebt ein Bauchladen vor, den ich im Hochsommer durch die Innenstadt tragen werde und auf dem groß und sehr modern in grellen Farben auf schlichtem Grund: „H2O an E136“ steht. So werde ich dann das trendigste und coolste Wassereis (aus dem Discounter) an den Mann bringen. Stückpreis 2,60.


Die geistige Elite

Eine kurze Hitzigkeit!

Als ich mich einst an der Universität einschrieb, hatte ich eine sehr idealisierte und – wie ich feststellen musste – lebensferne Vorstellung dieser Institution. So glaubte ich, dass es der Nation am Herzen liegen würde und müsste, „Allrounder“ zu fördern und auszubilden, bzw. die Plattform zu bieten, dass diese sich selbst, wenngleich auch unterstützt, zum, die Welt bereichernden, Universalgenie ausbilden können. Vereinfacht gesagt, hatte ich mir zwei Dinge erhofft: Zugang zu Bildung und die Zeit dafür zu haben. 

Gekommen ist es dann irgendwie ganz anders. Die Universität glich eher einer Fachhochschule, auf der es wenige Pfade, außer dem großen, breiten und ausgetretenen gab. Will man noch vernichtender urteilen, so könnte man sagen, dass mir die Uni fast wie eine Schule vorkam. Und ja, auch wenn beides mit Lernen und Bildung zu tun hat und es Ähnlichkeiten natürlich gibt, geben muss und geben soll, halte ich dieses Urteil dennoch für vernichtend. 

Es mag daran liegen, dass meine Vorstellung von „Wissen“ viel mit dem Universellen und weniger mit dem Speziellen zu tun hat. Im Eiltempo zwei oder drei Fächer zu studieren heißt für mich, freiwillig die Scheuklappen aufzusetzen und zu leugnen, dass alle Wissenschaften miteinander verknüpft sind. Im Grunde hat es etwas sehr Pragmatisches. 

Sicherlich ist das auch hilfreich, wenn man beispielsweise „nur“ lernen möchte, wie man eine Brücke baut, die nicht gleich einstürzt. Das ist sehr nützlich, keine Frage. Ich möchte auch solche Brücken – wenigstens in der Theorie – richtig berechnen können. Aber eben nicht nur. Für mehr bleibt dem künftigen Ingenieur allerdings in seiner Ausbildung wohl wenig Zeit. – Ihr merkt schon, meine Vorstellung ist wirklich sehr naiv! 

Und in dieser Naivität hatte ich geglaubt, ich käme an eine Uni, an der zunächst einmal die Festplatte in meinem Kopf formatiert wird, um ein neues Denken zu erlernen und unnötigen Ballast abzuwerfen. Ferner glaubte ich an die Erzählungen und Erfahrungsberichte anderer, dass man erst einmal allein gelassen und das eigenständige Arbeiten gefördert würde. Irgendwie glaubte ich an eine Herausforderung, die mir hilft zu erkennen, woraus sich mein Weg zusammensetzen und wohin er mich führen wird. Alles natürlich unterstützt durch Mentoren, die das Feuer in den Augen, mit aller Leidenschaft für die Wissenschaft, in sich trügen!

Die Realität sah dann zumindest für mich so aus, dass ich mich brav mit all den anderen Lemmingen auf dem stur und gradlinig vor sich hindümpelnden Fließband einordnete und durch die Gleichförmigkeit und Langeweile dirigiert wurde. Jeder Raum war besser durchnummeriert und auf dem Uniplan eingezeichnet, als ich es je in einer Schule erlebt hätte und im Grunde konnte nur der einen Raum nicht finden, oder sich gar verlaufen, der blind, taub und ohne Beine geboren worden ist. 

Die Lehrpläne, von denen ich mir Kreativität und irgendwie auch etwas Obskures erhofft hatte, das mich vor eine Aufgabe stellt, die sich mir erst nach längerer Zeit erschließen würde, waren so platt und durchschaubar, dass ich an der großen Magie zu zweifeln begann. Nirgends zuvor und niemals danach, hatte ich je einen so detaillierten und ausführlichen Plan darüber gesehen, was wann wie und wo genau passieren wird. Beeindruckend, aber eben auch komplett entzaubernd und ernüchternd. 

Am grausamsten jedoch waren die Veranstaltungen. Das meiste Wissen, das mir doch dort vermittelt worden ist, war das Wissen um die Eitelkeit des Menschen. Und nein, das hatte nichts mit dem eigentlichen Thema der Vorlesung zu tun. Es wurde nur deutlicher als der Inhalt aus jeder Pore des elitären Einheitsbreis kommuniziert. Und eine elitäre, selbstverliebte Masse hat nicht nur etwas Widersprüchliches, sondern auch etwas sehr uninteressantes an sich. 

Seit ich nun nicht mehr an der Uni bin, hat sich weiter einiges zum Zweifelhaften verändert. Die Regelstudienzeit zieht uns, in einer wettbewerbsorientierten, globalisierten Welt, weg von dem Bild, dass der Weg das Ziel sein könnte, hin zu einer beschleunigten Time-is-money-Kultur, in der ein Master of Arts (der ich nie geworden bin) den Drehwurm bekommen würde. Die Eliten des Landes verkommen zu Fachidioten mit Schleudertrauma und scheinen dieses Ziel sogar noch als erstrebenswert anzusehen. Jetzt können sie endlich auch so schnell das Geld verdienen, wie die Fachhochschulabsolventen!

Werden sie uns künftig, in einer immer verzwickter werdenden „Gesamtsituation“ mit klugem und weisen Rat, mit dem universellen Wissen um Moral und Ethik und mit dem dafür nötigen Gehör noch zur Seite stehen können? Ich bezweifle es. 

Aber Hauptsache, mal schnell gelebt.

So provokant es auch klingt; für mich gilt: Wer von der Uni geht und die Worte seiner Professoren predigt, hat seine Zeit verschwendet, denn er hätte zwei großartige Möglickeiten gehabt. Entweder er formuliert es besser als der Lehrmeister, oder er stellt sich gegen die Lehrmeinung. Aber Wiederkäuer braucht kein Mensch. Vor allem nicht in unserer Zeit. (Was Blödsinn ist, denn man brauchte / braucht sie zu keiner Zeit.) Sie sorgen einzig dafür, dass sich zweifelhafte Ideale ausbreiten und als „gegeben“ und unabänderlich angenommen werden. (Das erinnert mich gerade mit gewisser Belustigung an meine Mitschülerin J., die im Unterricht jeden erdenklichen Beitrag mit „Ja, das wollte ich auch grad sagen…“ begann und ihrem schlichten Gemüt damit Tribut zollte… ;-) )

 

Nachsatz

Mir persönlich kann diese Schnell(leb)igkeit nicht sonderlich viel anhaben, da ich am Leben längst nicht mehr in solcher Form teilnehme, weshalb die Hitzigkeit, mit der ich meine vielleicht ungerecht anmutenden Worte hier niedergeschrieben habe, nicht angemessen erscheint. Allerdings sehe ich in der Welt um mich herum immer mehr Idealisten einknicken, einbrechen und nachgeben. Sie verlieren die Kraft, gegen die goldenen Kälber unserer Zeit anzukämpfen. Sie verlieren den Mut, quer zu denken und haben sich überzeugen lassen, dass die Katze im Sack zwar nicht so gut ist, wie der Spatz, aber vermeintlich besser, als die Taube auf dem Dach. 

Ein paar von ihnen kenne ich und sie leiden. Sie leiden, weil man ihnen das Denken nicht nehmen kann, ihnen aber den Mund verbietet. 

Aber auch das Lügen lernt man in unserer Gesellschaft ziemlich gut.