Plötzlich Nichts

Eigentlich war da immer was. In der Schule waren es die zwei Stunden Kunst pro Woche, die mir die restlichen dreißig als milde verkaufen konnten, auch wenn ich mit meiner Kunstlehrerin nie geschlafen habe, wie behauptet wird. Im Beruf war es mein Chef, der mich vor dem Kunden fragte, wie ich das Problem lösen würde und nach meiner Antwort sagte, ok, so machen wir das. Zu dem Zeitpunkt war ich im ersten Lehrjahr und hatte noch Flügel.

Selbst an der Uni, einem zugegebenermaßen kurzen Gastspiel, gab es Leute, die mich hinter die Fassade der Professur blicken ließen. Menschen, die mir den Mut dazu gaben und das Handwerkzeug, die Welt zu entdecken. Da waren Freunde, zwischen Bier und Bong, die mir die Welt als Paradies verkaufen konnten. So, dass ich es ihnen glauben konnte. Irgendwie war da immer was.

Da war zum ersten mal Hesse, zum ersten mal Kafka, zum ersten mal Mann. Und ich weiß gar nicht mehr, ob es Zauberberge oder Steppenwölfe oder der Gedanke, kritisch betrachteten Vernunftbürgertums war, die mich verzaubert haben. Da war auf jeden Fall etwas. Ja, auch wenn ich mir bei Dostojewski nie die Namen merken konnte.

Da war das erste mal Fliegen. Der Punkt, wenn du mit deinem Skateboard über die Rampe gesprungen bist und den Scheitelpunkt erreichst. Dort, wo die Welt stehen bleibt. Dort, wo Fliehkraft und Gravitation im Momentum gefangen sind. So lange jedenfalls, bis du zum ersten Mal in ein Mikrofon schreist und dein eigener Widerhall, aus den Boxen hinter dir, dich umzureißen droht. Klar, du weißt, deine Freunde lassen dich das nur machen, weil sie dich lieb haben, nicht, weil du wirklich singen kannst. Aber egal, das war noch was.

Und da war dieses disedireske Stoßgebet Max Ehrmanns, das sich so wohlig warm unter meine Gene gemischt hatte und das ich heute, Jahre später für mich wieder entdeckt habe. Nicht, weil 68 zu Hause Standard war, sondern weil ich früh meine Flügel gepflegt habe. Das war noch was.

Und nun? Meine Flügel hängen mir zerrupft und zerfleddert, gestutzt und lahm herunter. Kein Traum, so scheint es, den ich noch leben könnte, kein Gedanke, der mich das Momentum am Scheitelpunkt noch einmal erleben lassen könnte. Kein Spiel, das noch gespielt werden will. Die Welt präsentiert sich aschfahl.

Aschgrau, Steingrau, Mausgrau … Wirklich? Nein. Ich habe einen sehr schönen Garten, auch wenn er viel Arbeit macht und ich mehr Gemüse als Blumen habe. Ja, ich weiß, die haben so etwas Frisches. Wenn ich die Augen schließe, reise ich an Orte, um die mich andere beneiden würden, wüssten sie, dass sie existierten. Keine Frage, ich darf mein Leben als geküsst verstehen.

Wo aber steht man, wenn man nach all dem Erlebten, nur noch Erinnerungen in sich trägt und der Zukunft – seit Jahren – jede Existenzberechtigung rauben möchte? Was bleibt, wenn man fünf Jahre lang einen Plan hatte, der am Ende aufgeht? Was, wenn alle Rechnungen bezahlt sind? Woher soll dann der Ansporn kommen?

Nicht, dass ich falsch verstanden werde, ich bin nicht suizidal. Keineswegs. Aber was passiert, wenn man die letzte Tür schließt und eigentlich davon ausgeht, dass sich nun Erfüllung einstellen müsste und stattdessen die Leere auf einen eindrischt? Wie reagiert man da? Jemand ne Ahnung? Früher war mehr Lametta.

Nein, ich hätte meine Krankenakte aus dem Jahr 2005 heute wirklich nicht lesen sollen.
Aber auch das war doch irgendwie was!

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Der Erfolgs-Klon

Wir lernen seit Jahren eine neue und angepasste Form der Kommunikation, eine neue Sprache, die uns modern erscheinen lässt, aber uns doch auch gleichförmig macht. Wir diskutieren mithilfe von Flipcharts und – über das Smartphone gestreamte – Power-Point-Präsentationen und finden, dass selbst für die einfachsten Dinge der Welt ein Tortendiagramm, mindestens aber zwei mit Schlagworten beschriftete Achsen, als Verdeutlichung herhalten sollten. Ach, und Pfeile mögen wir auch. Sie haben so etwas wichtig und richtig Erscheinendes und leiten und leuchten uns hübsch die Wege von Problemen zu Lösungen und von Ursache zu Wirkung und von der Idee über die Durchführung, bis hin zum Resultat.

Die Abstraktion, die unser Gehirn spielend hinbekommen sollte, funktioniert in dieser neuen „Sprache“ scheinbar nur noch visualisiert. Zwei Kreise werden dynamisch mit verschiedenfarbigen Filzstiften auf die Folie gekritzelt, der sich überlappende Bereich wird schraffiert und wir haben eine Visualisierung einer x-beliebigen Beziehung zweier Menschen oder Gruppen, politischer Koalitionen oder eine Abgleichung relevanter Zielgruppen mit bereits umgesetzter, marketingstrategischer Zielsetzung. Um nicht zu eindimensional und missverständlich zu wirken, malen wir noch zwei weitere Kreise mit größerer Schnittfläche darunter, um zu verdeutlichen, dass es hier fallspezifische Verschiebungen und unterschiedliche Größenordnungen geben kann und wird. – Entschuldigung, wenn ich hier schon einhake, aber das schafft unser Kopf auch noch ohne bebilderte Anleitung.

In Seminaren, die sich mit dem direkten Gespräch befassen, lernen wir, wie wir erfolgreich kommunizieren, obwohl wir uns wohl nie eingehend damit beschäftigt haben, was das eigentlich genau heißt. Sicherlich haben wir eine Vorstellung davon, was es für unseren Einzelfall bedeutet, bzw. welche Disziplinen wir vertiefen, verbessern und vielleicht sogar meistern wollen. Aber was genau bedeutet eigentlich „Erfolg“? Was macht „Kommunikation“ aus? Und wie bringen wir diese beiden Dinge so zusammen, dass die Bedeutung größer als die Summe ihrer Teile wird?

Spielend können wir trainieren, unsere Körperhaltung zu verbessern, den Blickkontakt zum Gegenüber zu wahren, inhaltlich pointiert und möglichst noch mit klugem Einsatz unserer Gesichtsmuskulatur an den richtigen Stellen zu überzeugen und dabei stets zu wissen, wann ein bestimmtes und akzentuiert gesetztes Pronomen das Nähe-Distanz-Verhältnis zu unseren Gunsten verschieben kann. Wir lernen unsere Manipulationstechniken zu verfeinern. Und was uns eigentlich nur noch davor bewahrt, größenwahnsinnig zu werden und die Welt mit diesen neu erworbenen Fähigkeiten beherrschen zu wollen ist, dass unser Gegenüber die gleichen Seminare, Kurse und Workshops besucht hat. Wir haben also nur gelernt, um überhaupt nur Schritt halten zu können. – Und hier beginnt sie, die schöne, neue Welt.

Wir kommunizieren fortan unter Konventionen und Absprachen, sind stets im Bilde über unsere Außenwirkung, arbeiten dabei im Kopf unsere gelernten Kommunikationsformeln ab, während wir ruhig durch den Bauch atmen und dabei die Schultern in gerade Pose werfen. Wir kommunizieren nicht mehr individuell, sondern mit jeder Zelle erfolgsorientiert und nach Plan und erfüllen dabei die gesellschaftliche Erwartungshaltung. Das Individuum hat in dieser Form der automatisierten Kommunikation keinen Raum mehr, der für den Erfolg dienlich sein könnte. Wir haben eine neue Sprache gemeistert und müssen nun eigentlich nur noch ein bisschen Obacht geben, nicht der Schizophrenie anheim zu fallen!

Und genau hier, wo durch eine stille Übereinkunft etwas im großen Rahmen „funktioniert“, stelle ich noch einmal die Frage nach einer „gelungenen“ oder „erfolgreichen Kommunikation“. Wie erfolgreich (und vor allem nachhaltig) ist eine Kommunikation, wenn das Selbst und das Ich hinter der Fassade aus Übereinkünften und vorprogrammierten Gesprächsabläufen, mit Gebärden-Blaupausen angereichert, nur noch eine untergeordnete, oder – im schlimmsten Falle – überhaupt keine einflussnehmende Rolle mehr spielen kann, wird und darf? Oder noch anders gefragt: Kann mein neues alter ego einen Funken entfachen, der mein Ich verbrennen lässt?

Ich kenne mich mit einem Burnout nicht sonderlich gut aus, aber es scheint mir doch durchaus daran gekoppelt sein zu können, Bedürfnisse vernachlässigt und sich in einer Welt des Neusprechs verloren zu haben. Mein verstecktes Ich würde jedenfalls und vermutlich auch durchdrehen, wenn mein anderes Ich den ganzen Tag über Dinge reden müsste, die meiner eigentlichen Natur fremd wären, oder ihr sogar widerstreben. – Vielleicht erklärt sich ja auch dadurch, warum ich so gern eine obszöne Beschimpfung neben ein wohlklingendes Fremdwort setze und eine deutlich spürbare Distanz zwischen „mir und mir“ versuche, aufrecht zu halten.

Jemand, der sprachliche Entgleisungen nicht nötig hat, um sein Ich zu schützen, ist Johanna Schoener, die vor einem knappen Jahr etwas sehr Treffendes getextet hat, das ich erst heute entdeckte, und das mich zu diesen kurzen Zeilen verleiten ließ:

„Als ich auf dem Heimweg mit dem Rad durch einen Laubhaufen fahre, würde ich das am liebsten noch ein paarmal wiederholen. Weil es so schön raschelt und zu überhaupt nichts gut ist.“

Diese Stimme in uns kennen wir alle. Und genau diese Stimme sollten wir häufiger zu Wort kommen lassen.

Wohl dem, der sie überhaupt noch hören kann.

In diesem Sinne,

Ingo


Wo ist das Licht?

Tja, wo ist es denn, das Licht? Schwer zu sagen. Vielleicht hilft es, die Gegenfrage zu stellen: Wo ist das Licht denn nicht? – Da kann ich seit Sonntag Abend wenigstens zwei Orte nennen, an denen sich kein Licht befindet. Zum einen wohnte es offenbar nicht im Herzen einer Frau und zum anderen befindet es sich nicht an meinem Fahrrad.

Dass ich an meinem Fahrrad das Licht nie einschalte, hat zwei Gründe. Zum einen fährt sich ein Rad mit schleifendem Dynamo extrem schlecht und zum anderen kann ich ohne diesen bescheuerten Lichtkegel in der Dunkelheit wesentlich besser sehen. Klar, einen Pfennig werde ich nicht auf dem Fahrradweg erkennen können, dafür aber den etwas größeren Teil meiner Umwelt umso besser.

Angewöhnt habe ich mir das bewusste Fahren ohne Licht, als mich die Erkenntnis übermannte, jederzeit im Straßenverkehr für meine Mitmenschen mitdenken zu müssen. Sie verhalten sich oft einfach so unkontrolliert, irrational und hirntot, dass ich meinen Fokus nicht nur auf den kleinen, beleuchteten Teil des Weges richten möchte, sondern den im Schatten eines Eingangs stehenden Kerl außerhalb meines Lichtkegels frühzeitig wahrnehmen können mag.

(Und falls nun jemand oberlehrerhaft daherkommen sollte, um mir zu sagen, dass sich die Menschen nur deshalb merkwürdig verhalten, weil ich kein Licht anhabe, dann sinnieren wir gemeinsam nochmal kurz über den Menschen als solches, lachen kurz darüber und verabschieden uns von dem Gedanken, dass ein Mensch selbst in der Nähe des Lichtes ein zurechnungsfähiges Wesen sei.)

An besagtem Sonntag erlebte ich nun etwas, das ich in einer Großstadt eigentlich so noch nie erlebt habe. Fröhlich auf dem Radweg radelnd, drosselte ich mein ohnehin nicht hohes Tempo, weil ich eine junge Kleinfamilie in einiger Entfernung wahrgenommen hatte. Der junge Spross der Dreierbande konnte sich nur rudimentär auf eigenen Beinen fortbewegen, so dass er in der Dunkelheit ein leichtes Ziel gewesen wäre, wenn ich eine Familienidylle hätte zerstören wollen. Wollte ich aber nicht. Will ich eigentlich auch nie. Glaube ich.

Eigentlich war alles komplett unter „Kontrolle“, lange bevor mich die Familie (ob meiner mangelnden Beleuchtung) überhaupt wahrgenommen hattte. Wie erwähnt: Unter meiner Kontrolle, denn auf die ist erfahrungsgemäß mehr Verlass als auf stolze Väter, unkontrolliert torkelnde Kinder und verliebt und der Welt entrückt blickende Mütter, die gerade kein Bedürfnis an „Umgebung“ haben. Plötzlich jedoch, als ich mit gebührendem Abstand langsam angerollt kam, erspähte mich der Vater, riss die Augen weit auf, krallte mit panischer Hektik sein Kind und presste es eng an seinen Busen. Gott, hatte der Mann eine Angst in den Augen!

Die Frau, die mit der Hilflosigkeit ihres Mannes wohl gut vertraut sein musste, ergriff die Initiative und rief mir jene philosophisch anmutende und nicht für eine kurze Begegnung geschaffene Frage entgegen: „Wo ist das Licht?“ – Wäre ich nicht so fasziniert von diesem völlig erschrockenen Mann gewesen, der sein Kind offensichtlich nur in kugelsicherer Weste im Sandkasten spielen lässt, hätte ich wohl mit „Jesus!“ oder „Am Ende des Tunnels!“ geantwortet. So war ich jedoch zu verwirrt und mit dem Gedanken beschäftigt, ob mir vielleicht Hörner gewachsen seien, oder von der letzten Bolognese noch Reste aus dem Mundwinkel tropften, die – mit einiger Fantasie – in der Dämmerung an Fleischbrocken und Blut hätten erinnern können.

Der verschreckte Mann gibt mir noch heute zu denken. Ich meine, war der zum ersten mal in einer Stadt? Kannte er Räder nicht? Oder andere Menschen? Was hat den denn um Himmels Willen so heftig reagieren lassen? Was macht der denn, wenn mal ein zünftiger Windstoß kommt? Und überhaupt: Geht es ihm mittlerweile wieder besser?

Ich hoffe es doch sehr, dass er sich erholt hat. Und ich möchte meine ausdrückliche Bitte hier verewigt wissen, mir für mein unsoziales und leichtsinniges Verhalten zu verzeihen. Aus seiner Sicht war ich ein Risiko und daran lässt sich auch nicht rütteln. Dennoch möchte ich bei allem Schuldeingeständnis auch ein paar Kleinigkeiten zu bedenken geben. Quasi als Rat ohne Schlag:

Lieber schreckhafter Mensch mit Herzkasperpotential,

es ist unklug, seinen Erstgeborenen die ersten ungelenken Gehversuche in der Hannoveraner Innenstadt machen zu lassen! Vor allem, wenn die Dämmerung bereits fortgeschritten ist und man von sich selbst weiß, dass man zur Hysterie neigt. 

Ferner wäre es lieb, wenn du deiner Frau ausrichten könntest, dass ich den zeitlichen Rahmen unserer Zufallsbegegnung als zu knapp bemessen befunden habe, um die Frage zu klären, „wo denn das Licht sei“, bin mir aber sicher, dass es an anderer Stelle eine ergiebige und fruchtende Diskussion darüber hätte geben können!

Sollte sie jedoch wider Erwarten meine nicht vorhandene Fahrradbeleuchtung gemeint haben, so bitte ich, ihr nachträglich mitzuteilen, dass mein etwas simpel gestricktes Hirn Fragen mit viel Interpretationsfreiraum nicht so schnell in den Realitätsbezug einordnen kann. Tipp: Ein „Ey, Arschloch, mach‘s Licht an!“, wäre hier zweckdienlicher gewesen und wäre von mir vermutlich auch nicht mit den Gedanken um Elementarteilchen und die Raumkrümmung, sondern mit einem „Sorry, kaputt!“ erwidert worden. 

Auch wenn deine Aufmerksamkeit schon überstrapaziert scheint, so möchte ich die Gelegenheit dennoch ganz eigennützig missbrauchen, um eine letzte Bitte loszuwerden:

Vielleicht könntest du deiner Frau in einer ruhigen Minute einmal mitteilen, dass sie einen eher abstoßenden Unterton in ihrer Stimme trägt, der es potentiellen Gesprächspartnern schwierig erscheinen lässt, angemessen und gesellschaftskonform zu reagieren. Es fördert einfach den unkomplizierteren Umgang miteinander, wenn man sich beim Kontakt mit Menschen ein bisschen Mühe gibt, auch wenn der Fehler eindeutig beim Gegenüber – hier also mir – liegt. Es gibt zu viele Menschen, die bei einem harsch wirkenden Tonfall eher geneigt sind, ihre Antwort ebenfalls harsch zu formulieren. – „Du verranzte Ökofotze, lass deinen eurythmieverseuchten Genmüll gefälligst nicht seinen Namen auf dem Gehweg tanzen!“ fiele mir da beispielsweise ein. Aber das habe ich natürlich nicht gedacht. 

Ehrlich nicht.

Liebe Grüße,

Ingo


Zutaten: 2 Präpositionen

Mein RSS-Reader spuckt mir allmorgendlich die schönsten Neuigkeiten komprimiert und übersichtlich aus. Ich mag ihn sehr! Neben den Schlagzeilen aus Politik, Gesellschaft und Netzkultur habe ich auch einen kleinen, aber feinen Liebling abonniert, der mir frühmorgendlich das „Rezept des Tages“ präsentiert. – Gerade für jemanden wie mich, der am Vortag nie sagen könnte, was er am nächsten Abend zu essen gedenkt, bedeutet solch ein morgendlicher Hinweis oft den nötigen Tipp oder die entscheidende Idee für ein gelungenes Abendmahl.

Allerdings hat dieses Rezept gelegentlich nicht nur den willkommenen „Oh-das-könnte-ich-ja-auch-mal-wieder-machen-Faktor“, sondern gebärt zudem immer häufiger auch einen freudigen Gluckser, der mir den Einstieg in den Tag versüßt. (Jedenfalls dann, wenn ich nicht freudig glucksen muss, während ich gerade einen Schluck Kaffee im Mund habe…)

Die vermutlich ungewollte Komik trifft mich immer kritisch dann, wenn die Einzelteile eines gut ausbalancierten Mahls mit Präpositionen verbunden werden, die so überzogen klingen, dass ich mir unweigerlich die Frage stelle, ob es Köche sein mögen, Kunstschaffende oder Werbefachleute, die mir das Gericht verkaufen wollen. So konnte ich kürzlich als Rezept des Tages lesen: „Lachs im Zucchinimantel an Minz-Tzatziki“.

Jetzt muss man sich vorstellen, wie solch ein Rezept auf jemanden wirkt, der aus einer Zeit kommt, in der Fernsehköche noch keine Superstars waren und wie Pilze aus dem Boden schossen. Bei uns zu Hause benannte man zunächst den „Headliner“ des Gerichtes und kündigte die Beilagen mit einem beiläufigen und schnöden „und“ oder „mit“ an. So heiß es beispielsweise trocken und deutlich: „Schnitzel mit Möhrchen und Pommes“ und nicht etwa „Eine Kalbskomposition aus der Oberschale im Backwarenmantel an jungem Wurzelgemüse auf einem Futon aus Mikado“ oder ähnlich schräg.

Mir ist schon klar, dass solch überzogene Namen vielfach dazu benutzt werden, in überteuerten Restaurants, der Oberschicht die Kreuzer aus der Tasche zu leiern. Und irgendwie habe ich ja auch Verständnis dafür, dass wenn Küchenchef Horst sich in der Öffentlichkeit nur mit „Jacques“ oder „Pierre“ anreden lassen muss, weil es hipper klingt, auch die Speisebezeichnung eine Generalüberholung erfährt. Und für Jacques und Pierre finde ich es auch nur fair, dass jemand, dem „Kartoffelpuffer mit Apfelmus“ nur schmecken, wenn er sie als eine „Liaison zweier Sünden des Paradieses“ präsentiert bekommt, (weil‘s noch ne Spur besser klingt als „Erdapfel an Boskop“,) auch dafür blechen soll!

Etwas übertrieben scheint mir aber, wenn plötzlich die Chemnitzer Hausfrau Rita auf die Idee kommen sollte, ihre Speisen ähnlich zu präsentieren. Da wird und wirkt es dann doch irgendwie ein wenig überzogen. Vor allem hinsichtlich der Tatsache – wenn wir bei obigem Beispiel bleiben wollen – dass (die zweifelsohne sehr sympathische) Rita einem gewöhnlichen Wald- und Wiesen-Tzatziki ein paar geschnetzelte Minzblätter beigibt und damit einem kalt angerührten Dipp (der Schwierigkeitsstufe Null) die Suggestion höherer Kochkünste verleiht, indem sie es als „an Minz-Tzatziki“ kredenzt. Ein Wunder, dass sie das Tzatziki nicht auch noch aufdröselt und ein „Mit Knoblauch parfümierte Gurke an Yoghurtkulturen“ daraus macht.

Ich weiß, ich weiß, ich beweise wieder einmal nur eines mit meinen Worten: Mir mangelt es deutlich an Kultur! Aber bitte, liebe Hähnchen-mit-Messer-und-Gabel-Esser, räumt mir dann in meiner proletarischen Unwissenheit auch ein, dass ich belustigt sein darf, wenn ich euch in Anzug oder Abendkleid beim Austernschlürfen beobachte. Solche Gebärden und Geräusche gehören für mich nämlich ins Schlafzimmer und nicht in die Öffentlichkeit!

Aber zugegeben: Mich hat das ganze trotz aller Belustigung abschließend auf eine ziemlich gute Idee gebracht. Mir schwebt ein Bauchladen vor, den ich im Hochsommer durch die Innenstadt tragen werde und auf dem groß und sehr modern in grellen Farben auf schlichtem Grund: „H2O an E136“ steht. So werde ich dann das trendigste und coolste Wassereis (aus dem Discounter) an den Mann bringen. Stückpreis 2,60.


Die geistige Elite

Eine kurze Hitzigkeit!

Als ich mich einst an der Universität einschrieb, hatte ich eine sehr idealisierte und – wie ich feststellen musste – lebensferne Vorstellung dieser Institution. So glaubte ich, dass es der Nation am Herzen liegen würde und müsste, „Allrounder“ zu fördern und auszubilden, bzw. die Plattform zu bieten, dass diese sich selbst, wenngleich auch unterstützt, zum, die Welt bereichernden, Universalgenie ausbilden können. Vereinfacht gesagt, hatte ich mir zwei Dinge erhofft: Zugang zu Bildung und die Zeit dafür zu haben. 

Gekommen ist es dann irgendwie ganz anders. Die Universität glich eher einer Fachhochschule, auf der es wenige Pfade, außer dem großen, breiten und ausgetretenen gab. Will man noch vernichtender urteilen, so könnte man sagen, dass mir die Uni fast wie eine Schule vorkam. Und ja, auch wenn beides mit Lernen und Bildung zu tun hat und es Ähnlichkeiten natürlich gibt, geben muss und geben soll, halte ich dieses Urteil dennoch für vernichtend. 

Es mag daran liegen, dass meine Vorstellung von „Wissen“ viel mit dem Universellen und weniger mit dem Speziellen zu tun hat. Im Eiltempo zwei oder drei Fächer zu studieren heißt für mich, freiwillig die Scheuklappen aufzusetzen und zu leugnen, dass alle Wissenschaften miteinander verknüpft sind. Im Grunde hat es etwas sehr Pragmatisches. 

Sicherlich ist das auch hilfreich, wenn man beispielsweise „nur“ lernen möchte, wie man eine Brücke baut, die nicht gleich einstürzt. Das ist sehr nützlich, keine Frage. Ich möchte auch solche Brücken – wenigstens in der Theorie – richtig berechnen können. Aber eben nicht nur. Für mehr bleibt dem künftigen Ingenieur allerdings in seiner Ausbildung wohl wenig Zeit. – Ihr merkt schon, meine Vorstellung ist wirklich sehr naiv! 

Und in dieser Naivität hatte ich geglaubt, ich käme an eine Uni, an der zunächst einmal die Festplatte in meinem Kopf formatiert wird, um ein neues Denken zu erlernen und unnötigen Ballast abzuwerfen. Ferner glaubte ich an die Erzählungen und Erfahrungsberichte anderer, dass man erst einmal allein gelassen und das eigenständige Arbeiten gefördert würde. Irgendwie glaubte ich an eine Herausforderung, die mir hilft zu erkennen, woraus sich mein Weg zusammensetzen und wohin er mich führen wird. Alles natürlich unterstützt durch Mentoren, die das Feuer in den Augen, mit aller Leidenschaft für die Wissenschaft, in sich trügen!

Die Realität sah dann zumindest für mich so aus, dass ich mich brav mit all den anderen Lemmingen auf dem stur und gradlinig vor sich hindümpelnden Fließband einordnete und durch die Gleichförmigkeit und Langeweile dirigiert wurde. Jeder Raum war besser durchnummeriert und auf dem Uniplan eingezeichnet, als ich es je in einer Schule erlebt hätte und im Grunde konnte nur der einen Raum nicht finden, oder sich gar verlaufen, der blind, taub und ohne Beine geboren worden ist. 

Die Lehrpläne, von denen ich mir Kreativität und irgendwie auch etwas Obskures erhofft hatte, das mich vor eine Aufgabe stellt, die sich mir erst nach längerer Zeit erschließen würde, waren so platt und durchschaubar, dass ich an der großen Magie zu zweifeln begann. Nirgends zuvor und niemals danach, hatte ich je einen so detaillierten und ausführlichen Plan darüber gesehen, was wann wie und wo genau passieren wird. Beeindruckend, aber eben auch komplett entzaubernd und ernüchternd. 

Am grausamsten jedoch waren die Veranstaltungen. Das meiste Wissen, das mir doch dort vermittelt worden ist, war das Wissen um die Eitelkeit des Menschen. Und nein, das hatte nichts mit dem eigentlichen Thema der Vorlesung zu tun. Es wurde nur deutlicher als der Inhalt aus jeder Pore des elitären Einheitsbreis kommuniziert. Und eine elitäre, selbstverliebte Masse hat nicht nur etwas Widersprüchliches, sondern auch etwas sehr uninteressantes an sich. 

Seit ich nun nicht mehr an der Uni bin, hat sich weiter einiges zum Zweifelhaften verändert. Die Regelstudienzeit zieht uns, in einer wettbewerbsorientierten, globalisierten Welt, weg von dem Bild, dass der Weg das Ziel sein könnte, hin zu einer beschleunigten Time-is-money-Kultur, in der ein Master of Arts (der ich nie geworden bin) den Drehwurm bekommen würde. Die Eliten des Landes verkommen zu Fachidioten mit Schleudertrauma und scheinen dieses Ziel sogar noch als erstrebenswert anzusehen. Jetzt können sie endlich auch so schnell das Geld verdienen, wie die Fachhochschulabsolventen!

Werden sie uns künftig, in einer immer verzwickter werdenden „Gesamtsituation“ mit klugem und weisen Rat, mit dem universellen Wissen um Moral und Ethik und mit dem dafür nötigen Gehör noch zur Seite stehen können? Ich bezweifle es. 

Aber Hauptsache, mal schnell gelebt.

So provokant es auch klingt; für mich gilt: Wer von der Uni geht und die Worte seiner Professoren predigt, hat seine Zeit verschwendet, denn er hätte zwei großartige Möglickeiten gehabt. Entweder er formuliert es besser als der Lehrmeister, oder er stellt sich gegen die Lehrmeinung. Aber Wiederkäuer braucht kein Mensch. Vor allem nicht in unserer Zeit. (Was Blödsinn ist, denn man brauchte / braucht sie zu keiner Zeit.) Sie sorgen einzig dafür, dass sich zweifelhafte Ideale ausbreiten und als „gegeben“ und unabänderlich angenommen werden. (Das erinnert mich gerade mit gewisser Belustigung an meine Mitschülerin J., die im Unterricht jeden erdenklichen Beitrag mit „Ja, das wollte ich auch grad sagen…“ begann und ihrem schlichten Gemüt damit Tribut zollte… ;-) )

 

Nachsatz

Mir persönlich kann diese Schnell(leb)igkeit nicht sonderlich viel anhaben, da ich am Leben längst nicht mehr in solcher Form teilnehme, weshalb die Hitzigkeit, mit der ich meine vielleicht ungerecht anmutenden Worte hier niedergeschrieben habe, nicht angemessen erscheint. Allerdings sehe ich in der Welt um mich herum immer mehr Idealisten einknicken, einbrechen und nachgeben. Sie verlieren die Kraft, gegen die goldenen Kälber unserer Zeit anzukämpfen. Sie verlieren den Mut, quer zu denken und haben sich überzeugen lassen, dass die Katze im Sack zwar nicht so gut ist, wie der Spatz, aber vermeintlich besser, als die Taube auf dem Dach. 

Ein paar von ihnen kenne ich und sie leiden. Sie leiden, weil man ihnen das Denken nicht nehmen kann, ihnen aber den Mund verbietet. 

Aber auch das Lügen lernt man in unserer Gesellschaft ziemlich gut.


Launenhaftigkeit

Der Mai fordert seinen Tribut. Ich erinnere mich so hübsch an die Weizenbiere, die wir im Pano und Merz tranken, zwischen den Stunden, während der Pausen, in Glückseligkeit. Ich erinnere mich an Stunden zwischen Rot und Grün und Schwarz und Gelb und an Gesprächspartner wie Jesco, Markus, Maurice oder andere Politologen, die seinerzeit noch kein Diplom in der Tasche hatten. Ich erinnere mich an Gespräche in der WG, zwischen Himmel und Hölle. Ich erinnere mich gern.

Als ich heute die täglichen Einkäufe erledigte, wusste ich bereits, dass es ein Fehler sein würde, das obligatorische „Mai-Weizen“ mit in den Einkaufswagen zu laden. Jetzt, da ich es auch getrunken habe, hat es mich zwar nicht wirklich weggeschossen, aber ich merke deutlich, wie die, aus dem Einstiegssatz deutlich hervorstechende Emotionalität mich zu übermannen droht.

Auf meinem Stichwortzettel, der mir immer Richtschnur gewesen ist, wenn es darum geht, diesen Blog mit Anekdoten und Geschwätz zu füllen, steht:

„Junger Mensch
Junger Mensch, schrei deine Eltern an,
denn sie werden verzeihen.

Junger Mensch,“

und

„Selbstgeschlechtsverkehr“!

Man fickt in erster Linie sich selbst, wenn man mit jemandem schläft.

Notizen, die ich zwar bestimmt noch irgendwann aufgreifen werde, die aber in ihrer Kürze auf mich (der den fortlaufenden Text und Inhalt bereits kennt) sehr belustigend wirken. Vor allem, weil ich gerade meine, etwas betrunken zu sein.

„Schicke niemals nicht, überhaupt gar nicht, um Himmels Willen nie einen Blog-Eintrag ab, wenn du Drogen konsumiert hast!“, hab ich mir immer gesagt und mich zumeist daran gehalten. Ein Blog-Eintrag, der im Suff formuliert ist, kann wie das Überbleibsel der letzten Party am nächsten Morgen ungewollt neben dir liegen. Und es kann unschön anzusehen sein!

So sei dem nun!

Heute ist einer dieser geschwängerten Tage, an dem ich mir im Klaren darüber bin, ihn morgen bereits bereuen zu können und trotzdem der Unvernunft fröne.

Vor einem Jahr habe ich meinen neuen Rechner gekauft und war von der Software so angetan, dass ich herumgespielt habe. Allerdings hielt ich diese Spielereien nunmehr ein Jahr im Verborgenen und nur weniger als eine Hand voll Leute konnte den Spaß betrachten. Heute, fast ein Jahr später, denke ich mir (nach dem Weizenbier): Ach, ist doch lustig, scheiß auf Urheberrecht, produzier selbst! Und so verlinke ich nun zwei Videos aus dem letzten Sommer, die selbstgefälliger nicht sein könnten. Aber irgendwie sind sie eben auch Erinnerung.

Die Musik und der Schnitt gleichen sich übrigens nicht nur zufällig, sondern sind Resultat einer Affinität. ;-)

(Dankenswerterweise hat mein Vater sich früh für Technik interessiert, ist heute mit Desktop, Laptop und Smartphone ausgestattet und hat die alten Aufnahmen, die er machte, zur allgemeinen Bereicherung gesichert!)

(Man neigt zu vergessen, wenn man alt ist. Einen Zusammenschnitt davon zu machen, wie lebhaft man war, kann nicht verkehrt sein!)

Wissend, dass es einigen Leuten Spaß bereiten wird,
zwinkernd und morgen wieder nüchtern,
Ingo


Claudia

 

Bevor der Eindruck auch nur im Entferntesten entstehen könnte, ich sei ein Rentner, der mit Kuschelkissen am offenen Fenster sitzt und den lieben, langen Tag Parksünder abpasst, aufschreibt und meldet, lasst mich folgendes festhalten: Ich habe mich genau vier mal in meinem Leben gegen Firmen gewandt und mich lauthals beschwert. Nein, nicht häufiger. Gerade deshalb weiß ich es auch so genau.

Einmal habe ich im zarten Alter von vielleicht 10 Jahren eine Schokoladenfirma angeschrieben, weil der zarte Schmelz eines Produktes eher pelzig auf der Zunge lag und fast säuerlich im Abgang schmeckte. Ein zweites mal, als meine Vermietung meinte, den Abtransport von widerrechtlich hinterlegtem Sperrmüll eines unbekannten Einzeltäters auf alle Mieter umlegen zu wollen und ein drittes mal, als ich mir an einem Joghurtbecher so dermaßen den Finger aufgeschnitten hatte, dass ich meinte, die Firma dringend davon in Kenntnis setzen zu müssen, dass ihre Verpackungen unter das Waffengesetz fallen und dies bitte im Supermarkt zu kennzeichnen sei.

In dieser Woche nun, habe ich mich zum vierten Mal genötigt gesehen, eine Beschwerde zu schreiben und war so entzückt von der Schlusspointe des eMail-Kontaktes, dass ich es einmal im getreuen Wortlaut abgedruckt wissen möchte. Selbstredend habe ich das Produkt, die Firma und den Nachnamen der Mitarbeiterin dabei zensiert.

 

1. Schreiben

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie darüber informieren, dass ich gestern in der [Produkt]-Verpackung eine erstaunliche, wenngleich auch etwas eklige Entdeckung machte. Im Fach mit den [Produkt] befand sich ein silber-graues Haar, das der Form und Dicke nach, einer langen und ungepflegten Augenbraue, eines langen Bartes oder gar eines anderen Ursprungsortes, an dem drahtige Haare sprießen, entsprungen zu sein schien. Gepflegtes und morgendlich shampooniertes Haupthaar war es jedenfalls nicht und da die [Produkt] vermutlich auch nicht aus altersschwachen Schäferhunden gewonnen werden, kann ich eine tierische Herkunft wohl auch ausschließen.

Ein wenig erinnerte mich das gekräuselte und dicke Haar an die Reportagen, die ich über Obdachlose gesehen habe. Und auch wenn ich per se nicht das geringste gegen diese Mitmenschen habe und den Kontakt mit ihnen auch nicht scheue, so würde ich dennoch nicht so weit gehen, ihre Haare in meinem Essen als geschmacklichen und ästhetischen Zugewinn zu erachten.

Nennen Sie mich übersensibel oder pedantisch, aber bitte bringen Sie gleichermaßen auch ein geringes Maß an Verständnis dafür auf, dass mir die ansonsten sehr schmackhaften [Produkt] gestern nicht so recht schmecken wollten. Trotz der über zwanzig Grad Außentemperatur, bekam ich nämlich eine Gänsehaut beim Anblick der rustikalen Körperbehaarung.

Ursprünglich ging ich davon aus, dass in der heutigen Zeit bei der maschinellen Verarbeitung solche Dinge eigentlich nicht mehr vorkommen könnten. Dann fiel mir jedoch ein, dass es sicherlich auch bei Ihrem Konzern eine Art Qualitätssicherung gibt, wo Leute in weißen Kitteln und mit Häubchen auf dem Kopf die Produktion überprüfen. Welch Ironie also, dass ein Qualitätssicherer in meinem Falle die Qualität durch unkontrollierten Wildwuchs herabsetzen konnte! Es wäre eine Überlegung wert, die Mitarbeiter vielleicht kostengünstig auch mit Mund-, Achsel- und Schamschutz auszustatten. Falls dies bereits geschehen ist, bitte ich Sie, Ihren Mitarbeitern das Mitbringen von Schäferhunden zum Arbeitsplatz zu untersagen!

Lieben Dank für Ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit,
mit freundlichem und auch zwinkerndem Gruß,
I. Seliger

 

1. Antwort

Sehr geehrter Herr Seliger,



vielen Dank für Ihre Mail vom 02.05.2012, der wir leider entnehmen müssen,
dass Sie Grund zur Beanstandung unserer [Produkt] haben.



Verbraucherreaktionen wie Ihre nehmen wir grundsätzlich sehr ernst, um
 etwaige Schwachstellen in unserer Produktion zu erkennen und den hohen
 Qualitäts- und Sicherheitsstandard unserer Produkte aufrechtzuerhalten. Die 
Information über das von Ihnen vorgefundene Haar in unserer Packung hat uns außerordentlich beunruhigt. In solchen Fällen nehmen wir jeweils eine
umfassende Überprüfung der Angelegenheit mit einer Kontrolle der
Fertigungsanlage und Durchsicht aller Produktionsunterlagen vor.



Daher möchten wir Sie bitten uns das gefundene Haar an u.g. Adresse oder
ein Foto per Mail zuzuschicken. Wir werden dieses umgehend an unser Labor
weiterleiten und Sie erhalten anschließend selbstverständlich eine
Stellungnahme und Ersatz.



Vielen Dank für Ihre Bemühungen.


Claudia [Nachname]



[Adresse]


 

2. Schreiben

Sehr geehrte Frau [Name],

ich danke Ihnen für die schnelle Rückmeldung und freue mich natürlich über das Engagement, mit dem Sie diesen Sachverhalt bearbeiten. Leider wird es mir jedoch nicht möglich sein, das corpus delicti zu weiteren Untersuchungen an die von Ihnen genannte Adresse zu senden, da ich mich gestern sehr spontan dazu entschieden habe, es nicht zu konservieren, sondern schnellstmöglich zu entsorgen. Ein gesteigertes Interesse, ein Foto von dem Appetitverderber zu schießen, hatte ich auch nicht, was vielleicht etwas fremd wirken mag, sich in der Praxis und dem ersten Impuls folgend für mich jedoch als „richtig“ angefühlt und herausgestellt hat. Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich dem Objekt keine tiefer gehende und langfristigere Beachtung geschenkt habe.

Ehrlich gesagt hätte ich wohl – selbst wenn ich das Haar noch auf meinem Nachtschrank, zwischen zwei Buchseiten als Lesezeichen, liegen hätte – Probleme damit, es Ihnen zuzusenden. Ich schätze Ihre Besorgnis um die Qualitätssicherung zwar sehr, hätte aber bei einem solch trivialen Vorfall ein schlechtes Gewissen, wenn derjenige, der das Haar unkontrolliert verlor, zur Rechenschaft gezogen werden würde, weil man ihn mit einem kostspieligen DNA-Test überführen und in Handschellen abführen würde. Das wäre den 2-Euro-Gegenwert in [Produkt] dann doch nicht wert und aus meiner bescheidenen Sicht moralisch verwerflich!

Betonen möchte ich noch, dass es mir nicht um einen von Ihnen erwähnten „Ersatz“ geht, denn ich hege keinen Groll gegen Ihren Arbeitgeber und bleibe auch weiterhin ein Kunde, der nicht erst überzeugt und zurückgewonnen werden muss. Meiner – wohl nach dem Schockmoment – berechtigten Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, war mir wichtig und zu Ihrer Entlastung, kann ich Ihnen freudig mitteilen, dass ich von dem benutzerfreundlichen Kundenformular und ihrer umgehenden Antwort bereits besänftigt bin und keinerlei überzogene Erwartungshaltung entwickele.

Nochmals bedanke ich mich bei Ihnen für die vorbildliche Erfüllung Ihrer Sorgfaltspflicht und hoffe, dass heute nicht noch mehr eMails gleichen Inhalts bei Ihnen eingetrudelt sind. Dann könnten wir den etwas peinlichen, aber menschlichen Vorfall als Ausnahme werten und zu den Akten legen. Sollten jedoch weitere Beschwerden aufgetaucht sein, so bin ich nunmehr der Überzeugung, dass Sie diese Problematik verantwortungsvoll und gewissenhaft bearbeiten werden.

Mit freundlichem Gruß,
auch an den Schäferhund,
I. Seliger

 

2. Antwort

Sehr geehrter Herr Seliger,

vielen Dank nochmals für Ihr Feedback vom 02.05.2012. Jedes
Verbraucherfeedback hilft uns, unsere Schwachstellen zu erkennen und unsere
Produkte zu verbessern. Uns ist dieser Vorgang außerordentlich unangenehm,
da wir die Rohstoffe sorgfältig auswählen, unsere Produkte mit modernsten
Anlagen herstellen und den Prozess aufwendig überwachen. Es gibt eine Fülle
von Maßnahmen, um einwandfreie Qualität zu liefern.

Wir möchten uns für den Fund dieses Haares vielmals bei Ihnen
entschuldigen, denn an unsere Qualitätsanforderungen stellen wir sehr hohe
Ansprüche. Ihre Reklamation ist uns daher Anlass genug, auch ohne den
Fremdkörper, unser System anhand der von Ihnen übermittelten
Produktionsdaten zu überprüfen und etwaige Schwachstellen zu beseitigen.
Sie können versichert sein, dass wir immer alles daran setzen, unseren
hohen Qualitätsstandard zu halten und weiter zu verbessern.

Wir hoffen, dass wir Sie mit einem kleinen Präsent aus unserem Hause wieder
versöhnen können und wünschen uns, dass Sie trotz dieses unerfreulichen
Ereignisses unseren Produkten auch weiterhin treu bleiben. Das Päckchen
erhalten Sie in einigen Tagen mit separater Post.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim [Tätigkeit] mit [Firma] und verbleiben
mit freundlichen Grüßen

Claudia [Nachname]

P.S. Werde den Gruß an den Schäferhund am 29.06 auf dem Konzert in
Frankfurt ausrichten :-)

[Adresse]

 

Ist es nicht einfach schön zu lesen, dass die Dame professionell ihre Arbeit macht, aber dennoch den von mir gewollten und ziemlich dreist geforderten Humor besitzt, um ihn in einem P.S. zu verewigen? Ich war regelrecht entzückt !

Da es nicht zur Allgemeinbildung gehört und mein Versuch, mit dem altersschwachen Schäferhund einen Running-Gag zu etablieren, wohl etwas schief ging, sei erwähnt, dass am 29.06. die Band „Die Ärzte“ in Frankfurt spielen wird. Eines ihrer Frühwerke aus den 80er Jahren trägt den Titel „Claudia hat ‘nen Schäferhund“. Und da der Inhalt sodomistischen Inhalts ist, hat die gute Dame doppelt Humor bewiesen.

Ach, ich mag Menschen, die in der oftmals bürokratisch und distanziert wirkenden Formsprache das i-Tüpfelchen als kleine und den Alltag erhellende Sonne malen.

Danke, Claudia!