Archiv des Autors: iSeliger

Über iSeliger

Hier sollten die Profildaten eingefügt und angezeigt werden, wenn ich sie denn mal eingegeben habe. ;-)

Launenhaftigkeit

Der Mai fordert seinen Tribut. Ich erinnere mich so hübsch an die Weizenbiere, die wir im Pano und Merz tranken, zwischen den Stunden, während der Pausen, in Glückseligkeit. Ich erinnere mich an Stunden zwischen Rot und Grün und Schwarz und Gelb und an Gesprächspartner wie Jesco, Markus, Maurice oder andere Politologen, die seinerzeit noch kein Diplom in der Tasche hatten. Ich erinnere mich an Gespräche in der WG, zwischen Himmel und Hölle. Ich erinnere mich gern.

Als ich heute die täglichen Einkäufe erledigte, wusste ich bereits, dass es ein Fehler sein würde, das obligatorische “Mai-Weizen” mit in den Einkaufswagen zu laden. Jetzt, da ich es auch getrunken habe, hat es mich zwar nicht wirklich weggeschossen, aber ich merke deutlich, wie die, aus dem Einstiegssatz deutlich hervorstechende Emotionalität mich zu übermannen droht.

Auf meinem Stichwortzettel, der mir immer Richtschnur gewesen ist, wenn es darum geht, diesen Blog mit Anekdoten und Geschwätz zu füllen, steht:

“Junger Mensch
Junger Mensch, schrei deine Eltern an,
denn sie werden verzeihen.

Junger Mensch,”

und

„Selbstgeschlechtsverkehr“!

Man fickt in erster Linie sich selbst, wenn man mit jemandem schläft.

Notizen, die ich zwar bestimmt noch irgendwann aufgreifen werde, die aber in ihrer Kürze auf mich (der den fortlaufenden Text und Inhalt bereits kennt) sehr belustigend wirken. Vor allem, weil ich gerade meine, etwas betrunken zu sein.

“Schicke niemals nicht, überhaupt gar nicht, um Himmels Willen nie einen Blog-Eintrag ab, wenn du Drogen konsumiert hast!”, hab ich mir immer gesagt und mich zumeist daran gehalten. Ein Blog-Eintrag, der im Suff formuliert ist, kann wie das Überbleibsel der letzten Party am nächsten Morgen ungewollt neben dir liegen. Und es kann unschön anzusehen sein!

So sei dem nun!

Heute ist einer dieser geschwängerten Tage, an dem ich mir im Klaren darüber bin, ihn morgen bereits bereuen zu können und trotzdem der Unvernunft fröne.

Vor einem Jahr habe ich meinen neuen Rechner gekauft und war von der Software so angetan, dass ich herumgespielt habe. Allerdings hielt ich diese Spielereien nunmehr ein Jahr im Verborgenen und nur weniger als eine Hand voll Leute konnte den Spaß betrachten. Heute, fast ein Jahr später, denke ich mir (nach dem Weizenbier): Ach, ist doch lustig, scheiß auf Urheberrecht, produzier selbst! Und so verlinke ich nun zwei Videos aus dem letzten Sommer, die selbstgefälliger nicht sein könnten. Aber irgendwie sind sie eben auch Erinnerung.

Die Musik und der Schnitt gleichen sich übrigens nicht nur zufällig, sondern sind Resultat einer Affinität. ;-)

(Dankenswerterweise hat mein Vater sich früh für Technik interessiert, ist heute mit Desktop, Laptop und Smartphone ausgestattet und hat die alten Aufnahmen, die er machte, zur allgemeinen Bereicherung gesichert!)

(Man neigt zu vergessen, wenn man alt ist. Einen Zusammenschnitt davon zu machen, wie lebhaft man war, kann nicht verkehrt sein!)

Wissend, dass es einigen Leuten Spaß bereiten wird,
zwinkernd und morgen wieder nüchtern,
Ingo


Claudia

 

Bevor der Eindruck auch nur im Entferntesten entstehen könnte, ich sei ein Rentner, der mit Kuschelkissen am offenen Fenster sitzt und den lieben, langen Tag Parksünder abpasst, aufschreibt und meldet, lasst mich folgendes festhalten: Ich habe mich genau vier mal in meinem Leben gegen Firmen gewandt und mich lauthals beschwert. Nein, nicht häufiger. Gerade deshalb weiß ich es auch so genau.

Einmal habe ich im zarten Alter von vielleicht 10 Jahren eine Schokoladenfirma angeschrieben, weil der zarte Schmelz eines Produktes eher pelzig auf der Zunge lag und fast säuerlich im Abgang schmeckte. Ein zweites mal, als meine Vermietung meinte, den Abtransport von widerrechtlich hinterlegtem Sperrmüll eines unbekannten Einzeltäters auf alle Mieter umlegen zu wollen und ein drittes mal, als ich mir an einem Joghurtbecher so dermaßen den Finger aufgeschnitten hatte, dass ich meinte, die Firma dringend davon in Kenntnis setzen zu müssen, dass ihre Verpackungen unter das Waffengesetz fallen und dies bitte im Supermarkt zu kennzeichnen sei.

In dieser Woche nun, habe ich mich zum vierten Mal genötigt gesehen, eine Beschwerde zu schreiben und war so entzückt von der Schlusspointe des eMail-Kontaktes, dass ich es einmal im getreuen Wortlaut abgedruckt wissen möchte. Selbstredend habe ich das Produkt, die Firma und den Nachnamen der Mitarbeiterin dabei zensiert.

 

1. Schreiben

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie darüber informieren, dass ich gestern in der [Produkt]-Verpackung eine erstaunliche, wenngleich auch etwas eklige Entdeckung machte. Im Fach mit den [Produkt] befand sich ein silber-graues Haar, das der Form und Dicke nach, einer langen und ungepflegten Augenbraue, eines langen Bartes oder gar eines anderen Ursprungsortes, an dem drahtige Haare sprießen, entsprungen zu sein schien. Gepflegtes und morgendlich shampooniertes Haupthaar war es jedenfalls nicht und da die [Produkt] vermutlich auch nicht aus altersschwachen Schäferhunden gewonnen werden, kann ich eine tierische Herkunft wohl auch ausschließen.

Ein wenig erinnerte mich das gekräuselte und dicke Haar an die Reportagen, die ich über Obdachlose gesehen habe. Und auch wenn ich per se nicht das geringste gegen diese Mitmenschen habe und den Kontakt mit ihnen auch nicht scheue, so würde ich dennoch nicht so weit gehen, ihre Haare in meinem Essen als geschmacklichen und ästhetischen Zugewinn zu erachten.

Nennen Sie mich übersensibel oder pedantisch, aber bitte bringen Sie gleichermaßen auch ein geringes Maß an Verständnis dafür auf, dass mir die ansonsten sehr schmackhaften [Produkt] gestern nicht so recht schmecken wollten. Trotz der über zwanzig Grad Außentemperatur, bekam ich nämlich eine Gänsehaut beim Anblick der rustikalen Körperbehaarung.

Ursprünglich ging ich davon aus, dass in der heutigen Zeit bei der maschinellen Verarbeitung solche Dinge eigentlich nicht mehr vorkommen könnten. Dann fiel mir jedoch ein, dass es sicherlich auch bei Ihrem Konzern eine Art Qualitätssicherung gibt, wo Leute in weißen Kitteln und mit Häubchen auf dem Kopf die Produktion überprüfen. Welch Ironie also, dass ein Qualitätssicherer in meinem Falle die Qualität durch unkontrollierten Wildwuchs herabsetzen konnte! Es wäre eine Überlegung wert, die Mitarbeiter vielleicht kostengünstig auch mit Mund-, Achsel- und Schamschutz auszustatten. Falls dies bereits geschehen ist, bitte ich Sie, Ihren Mitarbeitern das Mitbringen von Schäferhunden zum Arbeitsplatz zu untersagen!

Lieben Dank für Ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit,
mit freundlichem und auch zwinkerndem Gruß,
I. Seliger

 

1. Antwort

Sehr geehrter Herr Seliger,



vielen Dank für Ihre Mail vom 02.05.2012, der wir leider entnehmen müssen,
dass Sie Grund zur Beanstandung unserer [Produkt] haben.



Verbraucherreaktionen wie Ihre nehmen wir grundsätzlich sehr ernst, um
 etwaige Schwachstellen in unserer Produktion zu erkennen und den hohen
 Qualitäts- und Sicherheitsstandard unserer Produkte aufrechtzuerhalten. Die 
Information über das von Ihnen vorgefundene Haar in unserer Packung hat uns außerordentlich beunruhigt. In solchen Fällen nehmen wir jeweils eine
umfassende Überprüfung der Angelegenheit mit einer Kontrolle der
Fertigungsanlage und Durchsicht aller Produktionsunterlagen vor.



Daher möchten wir Sie bitten uns das gefundene Haar an u.g. Adresse oder
ein Foto per Mail zuzuschicken. Wir werden dieses umgehend an unser Labor
weiterleiten und Sie erhalten anschließend selbstverständlich eine
Stellungnahme und Ersatz.



Vielen Dank für Ihre Bemühungen.


Claudia [Nachname]



[Adresse]


 

2. Schreiben

Sehr geehrte Frau [Name],

ich danke Ihnen für die schnelle Rückmeldung und freue mich natürlich über das Engagement, mit dem Sie diesen Sachverhalt bearbeiten. Leider wird es mir jedoch nicht möglich sein, das corpus delicti zu weiteren Untersuchungen an die von Ihnen genannte Adresse zu senden, da ich mich gestern sehr spontan dazu entschieden habe, es nicht zu konservieren, sondern schnellstmöglich zu entsorgen. Ein gesteigertes Interesse, ein Foto von dem Appetitverderber zu schießen, hatte ich auch nicht, was vielleicht etwas fremd wirken mag, sich in der Praxis und dem ersten Impuls folgend für mich jedoch als “richtig” angefühlt und herausgestellt hat. Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich dem Objekt keine tiefer gehende und langfristigere Beachtung geschenkt habe.

Ehrlich gesagt hätte ich wohl – selbst wenn ich das Haar noch auf meinem Nachtschrank, zwischen zwei Buchseiten als Lesezeichen, liegen hätte – Probleme damit, es Ihnen zuzusenden. Ich schätze Ihre Besorgnis um die Qualitätssicherung zwar sehr, hätte aber bei einem solch trivialen Vorfall ein schlechtes Gewissen, wenn derjenige, der das Haar unkontrolliert verlor, zur Rechenschaft gezogen werden würde, weil man ihn mit einem kostspieligen DNA-Test überführen und in Handschellen abführen würde. Das wäre den 2-Euro-Gegenwert in [Produkt] dann doch nicht wert und aus meiner bescheidenen Sicht moralisch verwerflich!

Betonen möchte ich noch, dass es mir nicht um einen von Ihnen erwähnten “Ersatz” geht, denn ich hege keinen Groll gegen Ihren Arbeitgeber und bleibe auch weiterhin ein Kunde, der nicht erst überzeugt und zurückgewonnen werden muss. Meiner – wohl nach dem Schockmoment – berechtigten Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, war mir wichtig und zu Ihrer Entlastung, kann ich Ihnen freudig mitteilen, dass ich von dem benutzerfreundlichen Kundenformular und ihrer umgehenden Antwort bereits besänftigt bin und keinerlei überzogene Erwartungshaltung entwickele.

Nochmals bedanke ich mich bei Ihnen für die vorbildliche Erfüllung Ihrer Sorgfaltspflicht und hoffe, dass heute nicht noch mehr eMails gleichen Inhalts bei Ihnen eingetrudelt sind. Dann könnten wir den etwas peinlichen, aber menschlichen Vorfall als Ausnahme werten und zu den Akten legen. Sollten jedoch weitere Beschwerden aufgetaucht sein, so bin ich nunmehr der Überzeugung, dass Sie diese Problematik verantwortungsvoll und gewissenhaft bearbeiten werden.

Mit freundlichem Gruß,
auch an den Schäferhund,
I. Seliger

 

2. Antwort

Sehr geehrter Herr Seliger,

vielen Dank nochmals für Ihr Feedback vom 02.05.2012. Jedes
Verbraucherfeedback hilft uns, unsere Schwachstellen zu erkennen und unsere
Produkte zu verbessern. Uns ist dieser Vorgang außerordentlich unangenehm,
da wir die Rohstoffe sorgfältig auswählen, unsere Produkte mit modernsten
Anlagen herstellen und den Prozess aufwendig überwachen. Es gibt eine Fülle
von Maßnahmen, um einwandfreie Qualität zu liefern.

Wir möchten uns für den Fund dieses Haares vielmals bei Ihnen
entschuldigen, denn an unsere Qualitätsanforderungen stellen wir sehr hohe
Ansprüche. Ihre Reklamation ist uns daher Anlass genug, auch ohne den
Fremdkörper, unser System anhand der von Ihnen übermittelten
Produktionsdaten zu überprüfen und etwaige Schwachstellen zu beseitigen.
Sie können versichert sein, dass wir immer alles daran setzen, unseren
hohen Qualitätsstandard zu halten und weiter zu verbessern.

Wir hoffen, dass wir Sie mit einem kleinen Präsent aus unserem Hause wieder
versöhnen können und wünschen uns, dass Sie trotz dieses unerfreulichen
Ereignisses unseren Produkten auch weiterhin treu bleiben. Das Päckchen
erhalten Sie in einigen Tagen mit separater Post.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim [Tätigkeit] mit [Firma] und verbleiben
mit freundlichen Grüßen

Claudia [Nachname]

P.S. Werde den Gruß an den Schäferhund am 29.06 auf dem Konzert in
Frankfurt ausrichten :-)

[Adresse]

 

Ist es nicht einfach schön zu lesen, dass die Dame professionell ihre Arbeit macht, aber dennoch den von mir gewollten und ziemlich dreist geforderten Humor besitzt, um ihn in einem P.S. zu verewigen? Ich war regelrecht entzückt !

Da es nicht zur Allgemeinbildung gehört und mein Versuch, mit dem altersschwachen Schäferhund einen Running-Gag zu etablieren, wohl etwas schief ging, sei erwähnt, dass am 29.06. die Band „Die Ärzte“ in Frankfurt spielen wird. Eines ihrer Frühwerke aus den 80er Jahren trägt den Titel „Claudia hat ‘nen Schäferhund“. Und da der Inhalt sodomistischen Inhalts ist, hat die gute Dame doppelt Humor bewiesen.

Ach, ich mag Menschen, die in der oftmals bürokratisch und distanziert wirkenden Formsprache das i-Tüpfelchen als kleine und den Alltag erhellende Sonne malen.

Danke, Claudia!


Die Mitte

“Am Ende geht’s doch immer nur um’s Ficken!” ist zwar eine überzeichnete, aber im Kern doch hübsche und wohl wahre Abkürzung für das Streben und die Motivation des Menschen innerhalb einer Gesellschaft. Da ich allerdings viel zu prüde bin, als dass die Worte von mir stammen könnten, würde ich wohl eher sagen, dass es am Ende wohl nur darum geht, “geliebt” zu werden. Nun sind das zwar auch nicht meine Worte, aber ich habe es immerhin geschafft, den Schock des Einstiegssatzes etwas zu relativieren!

“Geliebt zu werden” hat für mich in den folgenden Zeilen aber nur zu einem verschwindend geringen Teil mit partnerschaftlicher Liebe zu tun, sondern umschreibt in diesem Zusammenhang jegliche Form der Aufmerksamkeit und der Beachtung in so ziemlich jedem zwischenmenschlichen Kontakt. So steht das Gefühl des “Geliebtwerdens” nicht nur für Anerkennung, sondern kann sogar aus deutlicher Ablehnung resultieren, denn es geht im Grunde nur um eine Form der Rückmeldung, die das Gefühl, alleine im luftleeren Raum zu schweben, negiert. Wir brauchen die Gewissheit, dass auf eine Aktion eine Reaktion folgt und könnten ohne diese Gewissheit keinerlei Sicherheit empfinden. Im Grunde heißt “geliebt zu werden” für mich nichts anderes, als “gesehen zu werden” und eine irgend geartete verbale oder non-verbale Interaktion auszulösen; Feedback eben.

Das Spannende daran ist, dass dieses Feedback nicht nur von außen kommen muss, sondern ein wesentlicher Beitrag dazu in unserem Inneren entsteht. Wir befinden uns ständig im Dialog mit uns selbst, auch wenn der innere Diskurs der verschiedenen Stimmen oft so schnell ausgefochten wird, dass wir ihn noch nicht einmal wahrnehmen. Geprägt von Erfahrungen, ergibt sich eine daraus resultierende Lebensphilosophie, mit Hilfe derer wir versuchen die vermeintliche innere Schizophrenie zu entzerren und so zusammenzusetzen, dass ein Charakterbild entsteht, das als Einzelperson daherkommt. Im Idealfall entsteht so das ausgewogene Individuum, das sich selbst lieben kann.

Der Bezug zu dem eigenen Selbst ist wohl einer der zentralen Punkte im Wirken nach Außen. Und das Selbstbild ist dafür mitverantwortlich, wie wir dann die von außen wirkenden Reaktionen rational und emotional aufnehmen, filtern und einordnen. So hat beispielsweise die “Lebenserfahrung” wenig mit Reife, Besonnenheit oder gar Weisheit zu tun, sondern der Erwerb geschieht beinahe zwangsläufig und quasi “nebenher” beim Älterwerden. Jeder gelebte Tag birgt potenziell neue Erfahrungen und lässt uns unser Selbst- und unser Weltbild langfristig wieder und wieder, in neuer Verhältnismäßigkeit zueinander, zusammenpuzzeln. Oft auch ohne tiefergreifende, intellektuelle Auseinandersetzung.

Optimalerweise lernen wir also ein Leben lang uns und unsere Umwelt besser kennen, ziehen Rückschlüsse, lassen Rückmeldungen auf uns wirken, sortieren sie und finden einen Weg, mit uns und den Mitmenschen gut auszukommen. Mit Erfahrungen, etwas Geschick und sicherlich auch einer Portion Glück gelingt es uns dann, eine Mitte zu finden, bei der kein Extrem zu deutlich hervortritt; eine Ausgewogenheit zwischen Dominanz und Devotion, zwischen Aktiv und Passiv, zwischen Selbst- und Fremdliebe. Wir können uns durchsetzen, sind dabei aber nicht herrisch. Wir können nachgeben, ohne uns dabei beherrschen zu lassen. Die Mitte eben.

Und weil wir auf Hilfe von außen nicht unmittelbar hoffen können, beginnt es wie bereits erwähnt in uns. In uns keimt das Pflänzchen, der Gedanke, dass wir niemals Korea, Vietnam, oder andere schlimme Dinge verhindern können, aber uns die Möglichkeit gegeben ist, uns selbst zu positionieren. Nicht vor anderen, sondern erst einmal vor uns selbst. Und wenn ein Nazi sich mag, so soll es mir genau so recht sein, wie jeder andere Gedanke. Nur Mitläufer, Propagandisten und alle anderen, die lauter sind, als ihr Gegenüber mag ich nicht so recht mögen wollen.

Manchmal frage ich mich ernsthaft, was dem Menschen das Leben in der Mitte so schwierig erscheinen lässt. Wir haben doch alle einen gewaltigen Batzen Hirn mit auf den Weg bekommen, der so extrem groß ist, dass er der restlichen Natur eigentlich nur spottet. Was lässt uns also diese Egospielchen und Machtallüren entwickeln und schließlich noch ausleben? Immerhin wissen wir doch, dass es anderen zwangsläufig schadet, wenn wir uns im Mittelpunkt sehen und dem gemäß agieren. Ich bin einfach nicht gewillt zu glauben, dass wir so schlicht sind und so einfach funktionieren, obwohl ich jeden Tag das Gegenteil bewiesen bekomme.

Und um auf den Ausgangssatz zurück zu kommen: Ja, wir wollen geliebt, beachtet, begehrt und hofiert werden. Und vielleicht rasieren wir uns auch nur, weil wir tatsächlich ficken wollen. Aber wieviel Raum für die Wünsche und Erwartungen des einzelnen bleibt, wenn ein zweiter mit eben den berechtigten, gleichen Wünschen und Erwartungen daher kommt, bleibt doch spannend. Mich würde wirklich interessieren, wieviele Menschen schon mal “ausgewogenen” Sex hatten. So auf Augenhöhe und im Geiste vereint. Oh, und frei von Kalkül und Bargeld. – Meine vorsichtige Schätzung liegt da bei pessimistischen 10 – 20 %.

Ich erinnere mich, dass ich vor längerer Zeit mal schrieb, dass ich für mehr “Intuition” sei. In einem gelungenen Werbespot der Caritas heißt es sinngemäß: “Im Herzen wissen wir alle, was richtig ist”. Auch haben Herr Sielmann und Herr Szymek (wird der so geschrieben?) uns in Tierfilmen gezeigt, dass selbst artfremde Spezies ein Gespür dafür haben, wann es Zeit ist, sich zu umsorgen und auf die zu erwartenden Instinkte zu scheißen. – Das eigene Ego zu bändigen und sich auf die Suche nach der Mitte zu begeben scheint mir, als jemand, der diesen Zustand noch längst nicht erreicht hat, ein gewaltiger Zugewinn und Mehrwert zu sein. Im Idealfall klappt’s dann auch mit dem längerfristig befriedigenden Poppen.

Wer weiß das schon,

liebe Grüße,

Ingo


Gutmenschenarschloch

 

In den letzten Jahren hat sich die Tendenz entwickelt, die Bezeichnung „Gutmensch“ in ihrer Bedeutung soweit auszudehnen, dass sie eine einzige Beleidigung geworden ist. Was früher noch als sympathisch wirkender, naiv angehauchter Idealismus für wenig Aufregung sorgte, ist mittlerweile in seiner Bedeutung zu einer realitätsfernen Dummheit stilisiert worden, die im Gegenzug (wieder einmal) für eine Erhöhung und Rechtfertigung der kaltschnäuzigen Objektivität dienen soll. Mit anderen Worten und in Kurzform: Die Ellenbogen regieren die Welt und daher ist es Zeitverschwendung, sich mit Utopien zu beschäftigen. So jedenfalls die Aussage.

Da ich bisweilen selbst damit konfrontiert werde, als „Gutmensch“ bezeichnet zu werden, habe ich mir notgedrungen die Frage gestellt, wie viel Wahrheit darin liegt und meine, eine halbwegs plausible und nachvollziehbare Antwort gefunden zu haben, die vielleicht ganz interessant zu lesen sein könnte. Ich möchte also einmal versuchen darzustellen, warum ich argumentiere, wie ich argumentiere und warum ich diskutiere, wie ich diskutiere.

Wenig in meinem Leben kann ich genau datieren. Allerdings kann ich den Zeitpunkt, als zum ersten Mal in diesem Kontext etwas Wesentliches in mir wachgerüttelt worden ist, um das Jahr 1991 oder ‘92 grob einordnen. Ich muss ungefähr Siebzehn gewesen sein, als mein sehr kindlicher Gerechtigkeitssinn mich folgenden, plakativen Satz sagen ließ: „Vergewaltiger sollte man alle mit Stöckelschuhen zu Tode prügeln!“. Glücklicherweise sagte ich ihn nicht (wie es heute schnell passieren kann!) in den Medien, sondern unter vier Augen, zu einem jüngeren, aber weitaus reiferen Freund, der mich im folgenden Gespräch an die Hand nahm und mich behutsam und langsam bei dem Hinterfragen der Aussage begleitete, bis ich in jener Nacht lernte, dass eine Münze immer zwei Seiten hat.

Was sich wie ein abgenutzter und bis zum Erbrechen zitierter Spruch anhört, ist für mich vor zwanzig Jahren jedoch absolutes Neuland gewesen. Damals habe ich wenig hinterfragt und in den meisten Fällen nur kurz „drüber gedacht“ und dann einen festen Standpunkt entwickelt. Und auch, wenn dieser Münz-Gedanke erst wachsen und keimen musste, ist es einer, der mich seither stets begleitet hat, weil ich ihn an jedem Tag meines Lebens anwenden konnte und er mir immer genützt hat.

In Diskussionen hat dies in den Folgejahren dazu geführt, dass ich selten jemandem zugestimmt habe, selbst dann, wenn ich eigentlich der gleichen, oder ähnlicher Meinung war. Sobald mein Gegenüber eine Aussage trifft, versetze ich mich mittlerweile automatisch in die Gegenhaltung, ohne zwingend von ihr überzeugt zu sein und versuche, Antithesen zu finden und plausibel darzulegen. Nicht, um ein Querulant zu sein, auf dessen Stirn „Opposition“ eintätowiert steht, sondern einzig, um zu lernen und im Idealfall hinterher etwas „tiefer“ erörtert zu haben. Wir lernen nicht viel, wenn wir uns gegenseitig nur zustimmen.

Natürlich fällt auf, dass ein solches Vorgehen sehr viel damit zu tun hat, sich von der emotionalen Betrachtung zu lösen und zu versuchen, auch in moralisch fragwürdigen Situationen die Rationalität zuzulassen. Und blöderweise läuft man dabei oft Gefahr, irgendwann kühl und teilnahmslos zu wirken. Das bedeutet allerdings nicht – wie man fälschlicherweise annehmen könnte – dass man zu einem emotionslosen Wesen mutiert und keinerlei Empathie mehr besitzt. Man versucht nur, sich nicht einzig von seinen Emotionen leiten oder blenden zu lassen. Die Mischung macht‘s.

Die Emotionalität, als erster Impuls, lässt uns Dinge vorverurteilen und verschließt den Blick auf die „Geschichte hinter der Geschichte“, wie es eine Freundin in einem anderen Kontext mal nannte. Selbst in einem Land wie Deutschland, in dem juristisch auf sehr hohem Niveau agiert wird, gibt es immer wieder mediale Anzeichen von Lynchjustiz, Rufmord und Faustrecht, beispielsweise, wenn im Fernsehen fahrlässig und unzureichend verpixelt wird, oder Unbewiesenes geschickt so formuliert wird, dass es als Tatsache wahrgenommen werden könnte. Häufiger gewinnt man den Besorgnis erregenden Eindruck, als gelte für Verbrecher das Grundgesetz, gegen das sie verstoßen haben, im Umkehrschluss nun auch nicht mehr.

Einen Mörder zu steinigen ist nun aber keine sonderlich große Tat. Es ist das emotional Naheliegende. Eine unbeherrschter Akt, ein in der Summe vergeblicher Versuch, durch Vergeltung Befriedigung und Befriedung zu erlangen und zudem deutlicher Ausdruck von Überforderung. Man wird dadurch eine demokratische Gesellschaft aber nicht neu ordnen, oder gar verbessern können. Und doch darf man diese Rachegelüste frei äußern und bekommt sogar noch Applaus dafür, weil man sich, menschenrechtsverachtend und auf das Grundgesetz scheißend, so herrlich menschlich und authentisch gibt. Klingt ein bisschen wie das, was Jan Fleischhauer über die Linke geschrieben hat. Man steht eben auf der vermeintlich richtigen Seite. Und gestützt von der Masse ruft man im Kanon: „Hängt ihn höher!“ (Nein, nicht den Fleischhauer!)

Ich mag keinen Kanon. Er macht mir Angst. Tausend Stimmen, die zeitversetzt das gleiche Singen. Klingt immer ein bisschen, als hätte der zweite nur deshalb so viel Kraft in der Stimme, weil der erste es ihm schon vorgebetet hätte. Beim Vierten wird es dann noch lauter, aber inhaltlich nicht zwingend richtiger. O.k., ich geb‘s zu, das Beispiel ist etwas zu abstrakt… Dennoch hab ich so meine Probleme mit der Unbeherrschtheit und dem vernetzten Wutbürger.

Ich sollte wohl zum Schluss kommen.

Auch wenn „Gott“ als rhetorisches Mittel und Stilelement immer mal wieder den Weg in meine Zeilen findet, so bin ich alles andere als religiös oder spirituell. Nichtsdestoweniger bin ich ein Fan des größten literarischen Gutmenschen unter der Sonne: Jesus. Ich mag viele der Botschaften, die man ihm zuschreibt. Ich mag dieses herrlich schräge Bild, niemanden zu verletzen und sich doch immer wieder verletzen zu lassen. Und ich liebe es trotz des Widerspruchs in unserer Gesellschaft. Oder vielleicht genau deswegen.

Ich bleibe ein Gutmensch. Und ich werde weiter üben, zu verzeihen, zu vergeben und nicht vorschnell und nicht übertrieben zu urteilen. Ich werde mich weiter belächeln lassen und als naiver Spinner gelten, der einer illusorischen Welt ständig nachrennt, als könne er sie je ergreifen. Und manchmal lache ich dabei selbst über mich, wenn ich mir bei meinem Tun so erschreckend dumm vorkomme. So wie jetzt. – Dafür bekomme ich die selbstgerechte Belohnung, in gewohnt pathetischer Manier frühzeitig einen Grabstein bestellen zu können.

„Hier ruht einer, der sich schwer tun wollte, zu verletzen.“

Und wenn ich dann gemeinsam mit Jesus auf diesen Grabstein blicken werde, wird er sagen: „Alter, wie du abgehst!“. Und ich werde sagen: „Geil, ne?!“

Liebe Grüße,

Ingo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Glücksritter

 

Wenn man ausgesprochen großes Glück haben sollte, pflanzt dir der liebe Gott an einem einzigen Tag so viele Blumen vor die Nase, dass selbst Aeris Gainsborough dich beneiden würde. Es scheint einen abgesprochenen „Heute-hab-ich-meinen-Nachbarn-besonders-lieb-Tag“ zu geben, der im Kollektiv von einer breiten Masse gelebt wird und dem die wenigen Nicht-Eingeweihten freudig überrascht begegnen. Dieser Tag ist nach meiner selektiven Wahrnehmung der 29. März. – Aber lasst mich das etwas genauer erklären:

An der Fußgängerampel in der Nähe meines Hauses kommt es bereits zum zweiten Lächeln des Tages. Das erste erwähne ich nicht, weil ein Gentleman schweigt und genießt. Als ich also über die Straße gehe, blicke ich beiläufig in den an der roten Ampel stehenden, unauffälligen Wagen, hinter dessen Steuer ein, sich scheinbar in einer anderen Dimension wähnender Mensch, gedankenverloren im Takt der Musik wippt und dabei in der Nase bohrt. Mir fällt der Wunderbaum am Rückspiegel auf und ich erinnere mich daran, dass ich als Beifahrer einen solchen vor sehr langer Zeit einmal während der Fahrt aus dem Fenster geworfen habe und meiner Freundin mit väterlichem Ton erklärt hatte: „Na, sowas brauchen wir doch nicht… dafür hab ich doch Zigaretten!“

In diesem Moment der Erinnerung überschritt ich also die Sonnenseite der Straße und glücklich beseelt, ob der bunten Bilder aus vergangenen Tagen, fiel mein Blick wieder auf den Fahrer, der noch immer wippte, aber nicht mehr bohrte. Dafür grinste er breit über beide bare Backen, die eigentlich Wangen heißen, aber keine so schön verspielte Alliteration ergeben würden. Und da lag auch keine Verlegenheit hinter den Augenfältchen, weil er sich beim Popeln hätte ertappt gefühlt haben könnte, sondern einzig eine stille und leise Freude darüber, dass man lieber grinsenden, denn grämenden Menschen begegnet. Das ist so einfach, dass ich mich an dieser Stelle nicht mal im Ansatz aus dem Fenster lehnen würde, wenn ich behauptete, dass jeder hier Lesende diese Beobachtung schon selbst gemacht habe. Lache, und die Welt lacht mit dir, und so.

Ich hatte mir kaum das Lachen durch die bunt und in anarchistischer Willkür, an die Fassaden gepappten Plakate doppelt in das Gesicht prägen lassen, da wurde meine Aufmerksamkeit schon von einer anderen Situation gefordert. Ein mit schweren Einkaufstaschen überladenes Mütterchen, das ich aufgrund ihres Kleinwuchses zu spät wahr genommen hatte, schnauzte und raunte mir so unvermittelt aus nächster Nähe: „Ja! Man wird halt nicht jünger!“ ungefragt in das noch vom Autofahrer abgelenkte Gesicht, dass ich schockgefrostet und festgewurzelt, mit aufgerissenen Augen im Freudentaumel schuldbewusst verharrte, bis sie mich schließlich kurz darauf mit einem so irren und breiten Grinsen aus dem Karbonit befreite, dass ich nur entgegnen konnte: „Selbiges gilt offensichtlich nicht für den Geist!“ – Lustig kichernd hüpfte Rumpelstilzchen mit scheinbar wesentlich leichteren Einkäufen, gefolgt von einem ziemlich großen Schalk, infantil dem nächsten Opfer entgegen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war es noch irgendwie einfach Glück, dass mir Gott einen lustigen Nasenbohrer auf die Straße, und die Frau von Peter Pan in den Weg geworfen hatte. Beim Friseur angekommen, kam jedoch sogleich die nächste Freude und ich fing langsam an, Gott eine gewisse Überdosierung an Barmherzigkeit zu unterstellen.

Vielleicht sei an dieser Stelle die Bemerkung ergänzt, dass ich eigentlich nur sehr ungern zum Friseur gehe. Vielleicht liegt es daran, dass „Fräulein Eis“ mir mal in meiner Kindheit beim Frisieren so heftig an den Haaren gezogen hat, dass ich Tränen in den Augen bekam. Möglicherweise liegt es auch einfach daran, dass mein Kopf eine einzige erogene Zone ist, die ich nicht von fremden Frauen intim betatscht wissen möchte. Naheliegend wäre allerdings auch, dass mir das Gelabere dort nur unheimlich auf den Keks geht, denn von den unzähligen Dingen, die ich nicht kann, ist „Smalltalk“ eines der ausgeprägtesten.

Um meinem eigenen, hilflosen Gestammel zu entgehen, gehe ich nun schon seit Jahren zu einem türkischen Friseur. Da muss ich im Hintergrund auch nicht das Gedudel der Radiocharts ertragen, sondern gewinne einen Einblick in einen anderen musikalischen Kulturkreis, der – zugegebenermaßen – allerdings nicht minder dudelt. Ferner wird in dem Laden so gut wie gar nicht geredet, sondern eigentlich nur genickt oder mit dem Kopf geschüttelt. Hatte ich schon erwähnt, dass dort nur Männer arbeiten? sic!

Das schönste aber ist, dass dort, wo ich mich bei deutscher Frisierkunst sofort verkrampfe, der Türke mich subtil, und ohne dass ich es mitbekäme, zu einer Form der Entspannung zwingt, die vor allem in der völlig unterschiedlichen Herangehensweise begründet liegt. Für den Moment, da ich unter dem Umhang wehrlos bin, wird mein Kopf zu einer Büste, die kurz vor der Fertigstellung mit genauem Auge und sicheren Fingern, detailverliebt den letzten Schliff von Meisterhand bekommt.

Auch wenn Worte nicht ausreichen, um die intensive Behandlung zu beschreiben, möchte ich beispielhaft erwähnen, dass man bei meinem Lieblingsfriseur noch mit echten Rasierklingen arbeitet und die Bereiche, an denen man keine Haare brauchen kann, wo aber trotzdem welche sind, mit Feuer abfackelt. – „Rasierklingen und Feuer“ klingen jetzt vielleicht etwas nach USK18, sind in der Praxis jedoch unglaublich angenehm und vor allem gründlich. (Filigran arbeitende Hände vorausgesetzt!)

Und wie bei einer Büste auch, werden einem Kunden abschließend nicht nur die Haare gewaschen und massiert, sondern auch der ganze Rest oberhalb des Halses. Ich gebe zu, dass es sich etwas komisch anfühlt, wenn ein fremder Mann einem die Finger in die Ohren steckt, habe mich aber daran gewöhnt. Außerdem hat er sich das auch verdient, nachdem er mir den Rücken (dank meines labberigen T-Shirts) bis zum sechsten Brustwirbel enthaart hat.

So konnte ich mir, nach so einer Behandlung und den Erlebnissen dieses Tag nicht verkneifen zu sagen: „Heilige Scheiße! Entweder willst du mich morgen sterben lassen und der heutige Tag war das Henkersmahl, oder du hattest nach dem gestrigen Tag echt Mitleid mit mir! Egal… geil gemacht, danke!“

Einkaufen bin ich dann allerdings nicht mehr gegangen. Ich wollte die ungewohnte Annäherung zu Gott nicht gleich wieder auf eine unlösbare Probe stellen.

Es grüßt,

ein sichtlich zufriedener

Ingo


Toilettentaucher

;

Wenn man ausgesprochen großes „Glück“ haben sollte, setzt dir der liebe Gott an einem einzigen Tag so viele Gespenster vor die Nase, dass selbst PacMan dich bemitleiden würde. Es scheint einen abgesprochenen „Heute-geh-ich-meinem-Nachbarn-auf-den-Sack-Tag“ zu geben, der im Kollektiv von einer breiten Masse gelebt wird und dem die wenigen Nicht-Eingeweihten hilflos ausgeliefert erscheinen. Dieser Tag ist nach meiner selektiven Wahrnehmung der 28. März. – Aber lasst mich das etwas genauer erklären:

An der Fußgängerampel in der Nähe meines Hauses kommt es bereits zum zweiten Kopfschüttler des Tages. Den ersten erwähne ich nicht, weil ich hier noch etwas länger wohnen bleiben möchte. Als ich also über die Straße gehe, blicke ich beiläufig in den Boliden, der sicherlich einmal bei der Befreiung des nahen Ostens eine tragende Rolle gespielt hat und erschrecke, als der Insasse, mich mit seinen Augen wütend anfuchtelnd, seine Hand abwechselnd vom Kopf zum – in meinem Rücken liegenden – roten Ampelmännchen bewegt und mir damit signalisiert, dass er mit meiner Überquerung zu diesem Zeitpunkt nicht einverstanden sei. Wäre ich von der anderen Seite gekommen, hätte ich ihm sogar Recht gegeben.

Nun kam ich aber nicht von der bösen Seite, sondern „mein Männlein stand auf Grün“, wie es häufig bei zeitversetzten Ampelschaltungen der Fall ist. Dort, wo die eine Menschentraube schon dem Ziel entgegen watscheln darf, steht die andere auf der gegenüberliegenden Seite in Hab-Acht und wartet auf ihr ersehntes Signal. Nichts Ungewöhnliches auf deutschen Straßen und keinesfalls ein streng gehütetes Geheimnis, oder nur hinter vorgehaltener Hand geflüstertes Mysterium. Ich lehne mich auch sicherlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass jeder hier Lesende diese Beobachtung schon selbst gemacht hat.

Unser kleiner, gefiederter Freund (Sprich: „der Vogel, ey!) kannte diese Erscheinung jedoch offenbar nicht und fühlte sich so herrlich im Recht, weil ihm die Möglichkeit, dass die für mich geltende Ampel auf Grün stand, nicht in den Sinn kam, so dass ich mir das Lachen nicht verkneifen konnte. Vielleicht war es auch der Tatsache geschuldet, dass er ohnehin nicht hätte fahren können, weil seine Ampel ja rot war. Es brach also einfach aus mir heraus, es ließ sich nicht verhindern! Bei dem Gedanken, wie beschränkt unsere menschliche Wahrnehmung und die Definition, bzw. Abgleichung von Realität(en) ist, bin ich einfach freudig und diebisch amüsiert. Verzeihung!

Nun ist das Auslachen ja nicht gerade nett und geziemt sich nicht. Vor allem aber, lässt es ein halbgares Kampfhähnchen binnen Sekundenbruchteilen zu einem ausgewachsenen Wüterich mutieren, wenn man ihm so respektlos seine Missachtung zollt. Die Alternative wäre vielleicht gewesen, dass ich angesichts der Situation anfange zu sprinten, mich mit einer Hechtrolle auf die andere Straßenseite rette, sofort in Demut auf die Knie falle und „Ich bin unwürdig, Meister!“ abwechselnd in den Asphalt murmele und gen Himmel rufe. Dazu war ich dann aber doch nicht bereit. (Die Frau vom halben Hähnchen möchte ich also heute Abend nicht sein und das tut mir auch leid. Ich bin sonst ehrlich nicht so und bitte sie aufrichtig um Entschuldigung, Frau Henne!)

Ich hatte mir kaum das Lachen durch die grauen Fassaden aus dem Gesicht waschen lassen, da wurde meine Aufmerksamkeit schon von einer anderen Situation gefordert. Blitzschnell musste ich den Radweg in Fahrt- und Gegenfahrtrichtung kontrollieren, weil ich nicht über den Haufen gefahren, oder wild angeklingelt werden wollte, als ich vom Gehweg ausweichen musste. Grund war das mir entgegen kommende Ehepaar mit dem wild hüpfenden und hochbegabten Kevin an der Hand, dass Elf-Zwölftel des Gehwegs in Beschlag nahm und mir durch Blicke deutlich machte, dass für Gegenverkehr jetzt hier kein Platz sei. Die Trainingsanzüge im Partnerlook untermalten das herrische Auftreten und die Solidaritätsbekundung in einer Ehe im Mittelpunkt des Sonnensystems. Da lassen ich mich zur Not auch gerne lieber überfahren, bevor ich Streit anfange.

Vielleicht sei an dieser Stelle die Bemerkung ergänzt, dass ich ein „Ausweicher“ und kein „Platzhirsch“ bin. Ihr wisst sicher, was ich meine. Ich bin der, der zu spät zur Paarung kommt, der in den leeren Futternapf blickt und dem Darwin mit einem Seufzer im Traum begegnet und mit fast mitleidigem Blick verkündet, dass er mich nach neusten Erkenntnissen gerne aussortiert wissen wollen würde. Ja, genau, der bin ich! Zu doof für Evolution. Ich renne nicht in Menschen rein und ich muss auch nicht auf der Straße irgendwelche Territorialkämpfe um das eigene Ego ausfechten. Kurz: Ich bin der Wicht, der Verlierer der eure Gleichgültigkeit rechtfertigt und euch in der berechtigten Erhöhung bestätigt! Sagt mal „Danke“!

Bis zu diesem Zeitpunkt war es noch irgendwie einfach Pech, dass mir Gott einen Gockel auf die Straße, und einen Sachsen-August mit ADHS-Sohnemann und dauerwellenfrisiertem Mannweib in den Weg geworfen hatte. Im Supermarkt angekommen, kam jedoch sogleich die nächste Prüfung und ich fing langsam an, Gott eine gewisse Böswilligkeit und Schadenfreude zu unterstellen.

Wie konnte es anders sein? Natürlich parkten gleich vorne an der Gemüseabteilung die beiden obligatorischen Kinderwagen nebeneinander. Und die jungen Mütter, die mit dem Verlust des Mutterkuchens gleichzeitig die Fähigkeiten ihre Umwelt wahrzunehmen, verloren und in klinische Abfallbehältnisse entsorgt haben, parkten gleich dahinter. Alleine bei den wenigen Wortfetzen, die man da aufschnappen kann, packte mich der Reiz, mich über den Broccoli zu erbrechen. „Ich muss nicht denken, mein Mann verdient das Geld“, liegt als bleierne und unumstößliche Attitüde in der Luft und ich hätte mir dann gerne ein paar Spitzkohlblätter leihweise gezupft, mir auf den Kopf gesetzt und Alice Schwarzer imitiert: „Emanzipiert euch gefälligst, los! Dafür hab ich nicht gekämpft!“

Nun mag ich natürlich nicht mit Windeln verprügelt und mit Brei(chen) beworfen werden, so dass ich ganz friedfertig gestehe, dass es sich hier nur um einen Bruchteil der Fraktion „Mutter“ handelt und dass Mütter per se eigentlich gar nicht so sind. Ihr seid toll, ganz ehrlich. Die meisten von euch jedenfalls. Das klingt ironisch, ist aber nicht so gemeint. Ich kenne tolle Mütter, die mit dem lila-adrigen, schleimig-schreienden Auswurf nicht auch gleich für ihre große Leistung in einem Atemzug mit Leonardo da Vinci oder Albert Einstein genannt werden wollen und in diesem Kontext auch das Bundesverdienstkreuz ablehnen würden. Blöderweise kauft ihr aber nie ein, wenn ich auf die Jagd gehe!

Wenn ich einkaufe, treffe ich nur die Art von jungen Frauen, die mit der Geburt gleichzeitig einen Pacht- oder Kaufvertrag über 4 Quadratmeter Supermarkt-Stellfläche erworben haben und diesen auch ausgiebig nutzen. Selbstverloren und -gefällig stehen sie dann paarweise da, blockieren den Weg und stöhnen ausgiebig, wenn man es wagen sollte, sie höflich anzusprechen oder auszuprobieren, ob einem zwanzig Zentimeter zum durchquetschen reichen. Tipp: Niemals nie nicht den Kinderwagen auch nur sanft versehentlich streifen! Jedenfalls nicht, wenn man nicht als Kinderschänder, Vergewaltiger oder Terrorist gelten möchte.

Hat man die Mütter endlich hinter sich gelassen, wird man im nächsten Gang vermutlich wieder nicht weiterkommen, weil zwei Einkaufswagen nebeneinander stehen. Während der, der seinen Wagen da als erstes hingestellt hat, ja ein normal denkender und zur Analyse und Reflexion begabter Mensch sein kann, verstehe ich beim besten Willen nicht, wie der zweite auf die Idee kommen kann, dass er mal eben „den Sack zu“ und den Gang unpassierbar macht. Ich meine, was geht in so einem Kopf vor sich? Bislang hab ich es mir mit völliger, geistiger Umnachtung oder der versteckten Kamera erklärt. Aber so viel Dummheit und so viele Kameras kann es eigentlich nicht geben, wie man herrenlose Wägelchen sieht.

Eine weitere Vermutung könnte natürlich sein, dass der ältere Sohn einer der Mütter (vorne an der Gemüseabteilung) Langeweile bekommen hat und nun lustige Spielchen mit der Kundschaft treibt. Dafür hätte ich sogar ein Schmunzeln übrig. Allerdings würde dann vermutlich irgendwann, wenn die Mutter den Verlust ihres Sprosses bemerken würde, ein spitzer Schrei keifend die Luft des Ladens zerschneiden und es würde ein Doppelname gerufen werden, der einem Tolkien-Roman entsprungen scheint. Gegen diese These spricht, dass ich das noch nicht erlebt habe.

Man könnte ja nun völlig berechtigt sagen: „Ja, mein Gott, dann schieb den Wagen doch zur Seite und reg dich nicht so auf!“ Dazu sei gesagt, dass ich mich zum einen gar nicht aufrege, sondern nur halbwegs lustige Anekdoten erzählen mag. Zum anderen ist meine Erfahrung die, dass dort, wo zwei seelen- und herrenlose Einkaufswagen stehen und gar niemand zu sehen ist, in genau der Sekunde, wo man wagt, einen der beiden Wagen zu berühren, eine Furie um die Ecke prescht und mit sich fast überschlagender Stimme giftet: „Hey! Das ist aber meiner!“

Jetzt könnte man diplomatisch antworten: „Da muss wohl ein Missverständnis vorliegen, aber sie haben das Ding mit ihrem Euro nicht gekauft“, oder man kann sich auf den Boden werfen, einen oscarreifen Heulkrampf vorspielen und wimmernd, von Schluchzen unterbrochen sagen, dass man es gar nicht so arg bös gemeint hat. Oder aber, man zieht einfach die Augenbrauen hoch, stößt einen Seufzer aus und widmet sich wieder seinen Einkäufen. Ich entscheide mich meistens für letzteres.

Kommen wir aber nun zum Showdown, zum letzten Feuerwerk, zum Punkt, an dem man einsehen muss, dass wenn ein Tag schon scheiße anfängt, er nicht zwingend besser werden muss. Gehen wir gemeinsam zur Kasse:

Nun ist man es ja mittlerweile gewohnt, dass manche Menschen erst dann ihre Waren in ihre viel zu kleinen, mitgebrachten Beutel verstauen können, wenn der komplette Einkauf über den Scanner gezogen und der Einkaufszettel akribisch kontrolliert worden ist. (Bei etwa der Hälfte der Leute macht das sogar Sinn, weil sie stets den Joghurt als erstes und die vier Pfund Mehl als letztes auf das Band legen!)

Nun, jedenfalls hatte ich wieder einmal genau so eine weibliche Patientin samt Kind vor mir und vertrieb mir die Zeit des Wartens mit dem unentdeckten Beobachten anderer Einkäufe, um mir ein Bild davon zu machen, was es in anderen Haushalten heute wohl zum Abendessen geben würde. Ein lustiges Spiel, wenn‘s mal wieder länger dauert und allemal besser als Deckenfliesen zu zählen.

Während unsere junge Mutter (nein, nicht die vom Gemüsestand!) also scheinbar seelenruhig die Matrix studierte, überbrückte die Kassiererin die Zeit, indem sie dem Kind ein Tütchen mit Sammelkarten schenkte. Ein kluger Schachzug, denn damit besänftigte sie, ob der freundlichen Geste, auch die anderen Wartenden in der Schlange, die schon zu leisem Gemurmel angehoben hatten.

Gefühlt hätte ich in der Zeit, die die junge Frau zum Verstauen ihrer Einkäufe brauchte, einen achthundert Seiten dicken Roman schreiben, und zwei Opern komponieren können. Als sie sich dann nun endlich aber zum Gehen wandte und den Weg und den Scanner für andere frei gab, sah sie, dass ihre Tochter (immer noch freudig mit den Sammelkärtchen beschäftigt) zwei oder drei Sekunden zögerte, ihr zu folgen. Der Blick der Mutter wurde schlagartig finsterer und dann kam der Satz, bei dem ich zum zweiten Mal an diesem Tag fast lauthals losgelacht hätte: „Steh da nicht im Weg rum!“

Am liebsten hätte ich mich in dem Moment an das Kind gewandt und gesagt: „Hey, komm wir holen schnell deinen Bruder Hänsel und dann bring ich euch nach Hause.“

Aber ich war einfach zu sprachlos.

Ich bin ein Ausweicher.

;

Liebe Grüße,

Ingo


Der tut nix, der will nur spielen!

Wir haben grenzdebile Frösche mit menschlichem Gemächt überlebt und gerade, als uns das Jamba-Spar-Abo und die geplante Gehirnwäsche der Klingeltöne schon fast entfallen sind, beginnt eine Werboffensive, die mich irgendwie ärgert, weil sie ihre Vorbilder nicht nur grausam imitiert, sondern zudem noch ein verfälschtes Bild zeichnet, das ich nicht unkritisiert stehen lassen möchte. Den neuen Fluch der Privatsender möchte ich mal als „Computerspiele, die die Welt nicht braucht“ bezeichnen.

So selten ich nun auch das Privatfernsehen einschalte, so oft hat mich dann aber die Welle an Werbung für „Computerspiele“ während der letzten Monate überrollt. Flughäfen bauen, Schwertkämpfe führen, Zoos managen und den Weltraum retten. All das wird je nach Genre lustig oder heroisch, opulent und pompös in Szene gesetzt, wobei die Bewertung der gewählten Bezeichnungen überdeutlich im Auge des Betrachters liegt.

Bei diesen Werbetrailern fallen mir sofort drei Dinge auf: Erstens die Häufigkeit der Wiederholung, zweitens die Werbebotschaft „kostenlos“ und drittens das schlechte Produkt, das dort beworben wird. Die Häufigkeit und auch der zumeist recht nervige Bild- und Tonbeitrag erinnern sehr deutlich an die bereits erwähnten Klingeltöne und müssen wohl nach den schmerzlichen Erfahrungen in den vergangen Jahren nicht erneut kommentiert werden. Die anderen beiden Dinge sind allerdings weitaus spannender.

Ich mag nicht glauben, dass man mit „kostenlos“ überhaupt noch versucht, Werbung zu machen, ohne gleichzeitig auf mögliche „DLCs“, „Freemium-Modell“ oder nervige Werbebanner und -einblendungen hinzuweisen. Es ist auch nicht wirklich dramatisch, schließlich darf ja jeder für sich entscheiden, ob er dem Glauben schenkt, oder nicht. Aber mal im Ernst: Gibt es immer noch Menschen, die davon ausgehen, dass ein kapitalistisches Unternehmen einer solchen Größenordnung Spieleentwickler, Produzenten, Programmierer, Grafiker und letztlich Serverkapazitäten zur Verfügung stellt, um der Allgemeinheit eine kostenfreie Freizeitbeschäftigung zu schenken?

Nun gut, eines würde tatsächlich für diese These sprechen: Die beworbenen Spiele, die ich im Fernsehen begutachten konnte, wirken erschreckend billig produziert und schlampig programmiert, so dass der Gedanke, es handele sich um kostenlos und schnell zusammengeschusterten Dreck, für den man aus moralischen Gründen kein Geld verlangen kann, naheliegt. Erfolgskonzepte der „großen“ Spieleschmieden werden in diesen Imitationen auf das Minimum reduziert und reproduziert. Meist mit kugelrunden, fernöstlichen Manga-Mandel-Augen, knubbeligen und knuddeligen Kindchenschemata, oder einfach mit bunt leuchtenden Riesenschwertern als virtuelle Penisverlängerung.

Trotz schneller Schnitte, ablenkender Musik und Inszenierung bleiben dem fach- und genrekundigen Blick die überdeutlichen Schwächen dieser Einwegspiele nicht verborgen. Zu wenig Polygone, zu verwaschene Texturen, kantige und hakelige Bewegungen der Figuren und Verzögerungen in der zeitgleichen Umsetzung der Benutzerbefehle kann man, ohne das Spiel gespielt zu haben, im Fernsehtrailer schon deutlich erkennen. Da möchte man gar nicht erst erkunden, ob solch wichtige Dinge wie Langzeitmotivation, Spieltiefe, intuitives Gameplay und spannende Handlungsstränge die fitzelige Steuerung und schlechte Präsentation wett machen könnten. Ich denke aber mal, eher nicht.

Was stört mich nun also an Wegwerfspielen, wenn ich sie doch offensichtlich selbst nicht spiele? – Es ist der Eindruck, der entsteht.

Fast jeder Mensch hat ein Hobby. Und meines wird in der Öffentlichkeit einfach falsch dargestellt. Im Grunde kann ich mir aussuchen, ob ich lieber als potenziell amoklaufende Killermaschine, süchtiger Onlinespieler im Hamsterrad, oder geistig zurückgebliebener Freak gesehen werden mag, der knubbelige Flugzeuge auf virtuellen Pisten per Mausklick landet und sie anschließend aus Fimo nachknetet.

Übrig bleibt also für mich der mögliche Eindruck, der beim Laien über Computerspieler wieder einmal (neben unserer schlechten Ernährung, mangelnden Hygiene, Sonnenabscheu und ewigen Jungfräuligkeit) hängen bleiben könnte, denn offensichtlich stehen wir nun auch noch auf billig produzierten Scheiß, den wir in der Geiz-ist-Geil-Mentalität hirnlos konsumieren. Das wird mir langsam ein bisschen zu viel an Vorurteilen.

Dass wir Computerspieler gepflegt einen an der Waffel haben, bestreite ich ja gar nicht. Wie jede andere Subkultur haben wir eine eigene Sprache und erreichen durch bloße Nennung bestimmter Spieletitel Erregungszustände, die andere nur durch Leistungssport oder sadomasochistische Sexspielchen empfinden können. Das macht schon Angst, das verstehe ich.

Das Fremde macht immer Angst. Mir machen Leute mit Schnauzbart auch Angst. Oder Männer, die im Fußballstadion gröhlen. Oder Leute, die sich im Wald Farbkugeln um die Ohren schießen. Oder Investmentbänker, die in einer Parallelwelt mit Summen jonglieren, die real gar nicht existieren.

Briefmarkensammler machen mir auch Angst. Tote Materie mit der man nur sehr beschränkt interagieren kann, klingt schon ziemlich „nerdig“! Oder diese Typen, die sich einen Grill in den Garten stellen, mit dem man im Zweifel ein Atomkraftwerk betreiben könnte, obwohl sie doch eigentlich nur ein Stück Fleisch braten wollen. Auch ziemlich krass. Aber eben auch bewundernswert, welche Leidenschaft ein Mensch entwicklen kann.

Mal ehrlich. Einen an der Waffel haben wir doch irgendwie alle. Ob Rosenzüchter, Rasenmäher, Sternegucker, Sonnenanbeter oder Fitnessguru. Darum heißen wir auch Menschen und nicht Gott. Und solange wir uns dabei nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen, dürfen wir auch unsere Macken haben, wie ich finde. Bleibt auch weniger Zeit, um schlechte Dinge zu tun.

Wir wollen doch nur spielen, so wie ihr auch!

Liebe Grüße,

Ingo


Frühlingserwachen

 

Die gute Nachricht zuerst: Die Mechanik, das Zusammenspiel meiner Muskeln, Gelenke und Sehnen weißt eindeutige Spuren, rudimentärer Funktionsfähigkeit auf. Es war mir somit heute möglich, die Aufgabenstellung eines zwanzigminütigen Fitnessvideos, in einem sehr grob gesteckten Rahmen zu erfüllen. Die schlechte Nachricht ist, dass es hart an meine Leistungsgrenze ging.

Zunächst einmal war es reichlich schwierig, in die Übungen mit einzustimmen, ohne einen Lachkrampf zu bekommen. Natürlich hatte ich die Vorhänge zugezogen und zur Sicherheit auch die integrierte Webcam meines Computers abgedeckt, um fremde Augen auszusperren. Zur Sicherheit habe ich auch die Wohnungstür abgeschlossen und mit der Sicherheitskette verriegelt.

All diese Schutzmaßnahmen nutzen allerdings herzlich wenig, wenn man sich ständig selber, mit dem dritten Auge, bei seinem Tun beobachtet und mit mitleidsvollem und fassungslosen Blick auf seine eigene, traurige Gestalt schaut, die ein ähnlich jämmerliches und hilfloses Bild abgibt, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Da stand ich also nun, bekämpfte den Lachflash und die Schamesröte und wippte in meinem schwarzen Schlafanzug, der in seinem Satin-Imitat an einen Gymnastikanzug erinnert, langsam zu den ersten Übungen und der Begleitmusik, im Takt.

„Wenn schon scheiße, dann richtig scheiße!“, und „Mut zur Lücke!“ schoss mir durch den Kopf und nach kurzer Zeit beobachtete ich mich dabei, wie ich die Übungen tatsächlich mit machte. Während bei Barbara Becker das ganze jedoch irgendwie flüssig, elegant und ästhetisch aussah, knirschten und knarrten bei mir die Knochen in ihren Gelenken und kreisende Bewegungen wurden, von Stöhnen begleitet, allenfalls zu erahnten Ellipsen. (Klingt irgendwie nach Epilepsien… was auch nicht ganz unrichtig wär…)

Etwas Selbstvertrauen keimte in mir, als es an die Liegestütze ging. Siegfried und Roy waren vermutlich nicht bei der Bundeswehr gewesen, aber ich… auch wenn es schon Zwanzig Jahre her ist. „Liegestütze sind männlich! Liegestütze sind männlich!“ sprach mir die innere Stimme anfeuernd und Mut machend zu. Außerdem sah man bei den Liegestützen nicht diese völlig fremd und unnatürlich wirkende Beule, die unter dünnem, feminin wirkenden Stoff bei den anderen Übungen so affig und albern aussah, dass ich mich abermals vergewissern musste, dass ich allein im Zimmer war. Zum Lachen war mir nicht mehr zumute.

Im Fluss der Übungen näherte sich nur noch einmal ein postpubertärer Lachkrampf. Eine Übung sah vor, auf dem Rücken liegend, die Beine erst an den Oberkörper zu ziehen und sie dann sehr weit zu spreizen. Die Ernsthaftigkeit der Übung ging mir da irgendwie ab und ich kicherte vergnügt, als ich das Bild dieser Einladung zu analer Penetration vor Augen hatte. Wohlgemerkt: Immer noch im Satin-Imität und mit Beule, statt Venushügel. Männlichkeit geht anders.

Nach gefühlten Fünf, und realen Zwanzig Minuten, war dann die blamable Vorstellung vorbei und zum Kaltgetränk gab es erstmal eine erfrischende Zigarette, die ich tief und männlich inhalierte. Die Nachwehen werden mich dann wohl morgen erwarten, wenn den überforderten Muskeln der Tribut gezollt werden muss. Neben diesen zu erwartenden Unannehmlichkeiten begleitet mich seit diesem Morgen jedoch schon eine weitere Folgeerscheinung: Ich sitze beim Tippen dieser Zeilen ungewohnt verkrampft und erwische mich dabei, wie ich die Muskulatur um meine Rosette unterbewusst zusammenpresse.

Liebe Grüße,

Ingo


Unverhältnismäßig

Es wird mir schwer fallen, bei den folgenden Zeilen möglichst sachlich zu bleiben und nicht dem Verlangen nachzugeben, polemisch und sarkastisch zu werden, denn es geht um das Thema, an dem selbst Freundschaften zerbrechen können. Es geht um etwas, das eigentlich paradox ist, weil es einen hohen Wert darstellt, ohne in sich, oder aus sich heraus diesen Wert überhaupt zu besitzen oder generieren zu können. Es geht um das Geld.

Nun ist meine finanzielle Situation sicherlich nicht die beste, doch bin ich auch weit davon entfernt mich wirklich beklagen zu können, oder überhaupt zu wollen. Dennoch merke ich sehr deutlich, dass ich über die letzten Jahre hinweg immer besser und besser haushalten und Stück um Stück meine Ausgaben nach unten anpassen und Prioritäten verschieben muss, obwohl ich meine eigenen Ansprüche ohnehin schon als „recht bescheiden“ einschätzen würde.

Interessant ist zum Beispiel folgende Augenwischerei: Als Rentner wird man darauf hingewiesen, zusätzliche Sozialleistungen beantragen zu können, da die Rente in vielen Fällen nicht ausreichend ist. Eine dieser Leistungen ist das Wohngeld, das relativ unkompliziert beantragt werden kann. (Vor über einem Jahr wurde dieses Wohngeld noch um die sinnvolle Heizkostenpauschale ergänzt, die jedoch mittlerweile weggefallen ist.)

Die Rente selbst wird im Jahr um etwa 1% erhöht. Vereinfacht gesagt, dient diese Anpassung dazu, die Inflation und das steigende Lohnniveau auszugleichen. Klingt erst einmal fair. Sollte man jedoch oben genannte Sozialleistung beantragt haben, wird diese unter Berücksichtigung der Rentenanpassung neu berechnet. Am Ende bekommt man exakt den Wert, der bei der Rente erhöht worden ist, an Sozialleistungen wieder abgezogen. Mit anderen Worten: Man bekommt trotz Rentenerhöhung zusammen genommen jedes Jahr das gleiche Geld und der eigentliche Plan, die Inflation abzufedern, existiert nur noch auf dem Papier.

Glücklicherweise – und deshalb meckere ich auch nicht – gibt es bei der reinen Grundversorgung mit („no name“) Nahrungs- und Kleidungsmitteln keine nennenswerten, bzw. nur selten Preisveränderungen. Seit die großen Ketten ihre eigenen Produktpaletten in die Regale gebracht haben, die sich exakt am Vorreiter Aldi orientieren und somit preislich auf dem selben Niveau liegen, ist es auch ohne Umwege möglich, sich vollwertig, abwechslungsreich und gleichzeitig günstig zu versorgen.

Teuer hingegen wird es bei Luxusartikeln. Und genau hier merkt man die deutlichen Einschnitte, die eine „stabile“ Rente immer schmaler zu werden scheinen lassen. Kaffee beispielsweise ist eindeutig ein Genussmittel und damit als Luxus anzusehen. Dennoch würde man wohl kaum jemandem einen verschwenderischen Umgang unterstellen, wenn er sich diesen Luxus allmorgendlich gönnt. Wie jeder Kaffeetrinker weiß, sind sämtliche Kaffeesorten im letzten Jahr um rund einen Euro teurer geworden. Selbst für die Billigmarken hieß dies einen Anstieg von 2,79 Euro auf 3,79 Euro. Die meisten anderen Beispiele sind nicht ganz so drastisch, wirken sich aber in der Summe aus. Vor allem, wenn wir hier nicht in Monaten, sondern in Jahren rechnen.

Die Frage, die sich stellt ist, wieviel Luxus auch der ärmste Mensch nun braucht. Und ich rede bewusst von „brauchen“ und nicht von „haben dürfen“, denn mir ist klar, dass es nicht nur vereinzelt Meinungen gibt, die dem weniger potenten Teil der Gesellschaft am liebsten die Grundrechte absprechen und ihnen jegliche Versorgung streichen wollen würden. Das wäre dann in etwa das, was viele Länder erreicht haben, die eigentlich den Kommunismus als Ziel hatten…

Ich denke, die Bedürfnisse eines Menschen sind zu einem großen Teil abhängig von der Gesellschaft in der er lebt. Je besser es der Gesellschaft geht, desto höher werden auch die Ansprüche des schwächsten Gliedes in der Kette. Es wäre fatal, würde man diese Bedürfnisse nun ignorieren oder auf Grundbedürfnisse reduzieren. Die Unzufriedenheit ist immer noch der Staatsfeind Nr. 1. – Kaiser und Könige fürchteten den Unmut des Volkes und die, die ihn nicht fürchteten sind wohl die, die ihren Kopf bei Revolten, Aufständen und Revolutionen verloren haben. Quasi die brachiale Rohfassung vom „Wutbürger“.

Und auch in der Geschichte ging es nicht einzig um die Grundversorgung, die gewährleistet werden musste, damit ein Volk sich regieren lassen hat. Stets gab es auch andere Bedürfnisse, ob nun Freiheitsgedanken in Meinung, Bildung oder Religion, oder schlicht „Unterhaltung“. Somit halte ich es auch in einem modernen Staatengebilde für erstrebenswert, sich sorgfältig damit zu beschäftigen, welche ungestillten Bedürnisse, – außer Wasser und Brot – noch zu Unmut führen könnten. Ich halte es beispielsweise nicht für ratsam, dem Hartz-4-Empfänger die Zigaretten zu streichen. Ob durch Kürzungen, unverhältnismäßige Besteuerung der Tabakwaren oder nicht abgefederte Inflation sei dahingestellt und ist im Resultat auch einerlei…

Gefühlt ist das staatliche Rentensystem, trotz Reformen, allein schon an der Demografie gescheitert, auch wenn noch nicht jeder die Auswirkungen spürt. Das Model Walter Riesters scheitert für mich daran, dass die, die es am dringensten bräuchten, es sich einfach nicht leisten können. Da ändert auch eine werbewirksam ins Licht gerückte, staatliche Förderung nicht viel. Selbst die bröckelnde Mittelschicht muss schon zweimal überlegen.

Wie eingangs schon erwähnt, habe ich persönlich keinen Grund, mich zu beklagen. Dennoch mache ich mir natürlich Gedanken darum, wie es in ein paar Jahren aussehen wird, wenn ich die selbe Summe in meiner Geldbörse haben werde, die mir heute für die Deckung meines Lebensunterhaltes zu Verfügung steht. Natürlich denke ich da auch an die unmittelbare Zukunft, in der zu erwarten ist, dass die Strompreisentwicklung keinen angenehmen Kurs einschlagen wird. (Auch hier wird es wohl die Mittelschicht am deutlichsten treffen.)

Wenn ich jetzt noch daran denke, dass die Bundesregierung, selbst mit den salbungsvollsten Worten, die Akademiker nicht überzeugend dazu bringen kann, „Eliten zu züchten“ und von den wenigen Kindern, die den Generationenvertrag nicht einhalten können werden, so sehr sie sich auch bemühen, ein großer Teil aus den bildungsfernen Bereichen kommt, dann sehe ich, in einer stetig fortschreitenden, technologisierten Gesellschaft, mit immer weniger Bedarf am „klassischen Arbeiter“, einen Teufelskreis am Horizont, der irgendwie gruselig wirkt.

Vermutlich werde ich dieses Horrorszenario aber nicht mehr miterleben. Alleine schon, weil meine Gesundheit nicht so lange anhalten wird, weil die ärztlichen Praxisgebühren von mir anderweitig genutzt werden. Statt zum Arzt zu gehen, stopfe ich damit das Loch, das die Inflation in meiner Kasse hinterlässt… ;-)

Liebe Grüße,

Ingo

P.S.: Ich gestehe, dass diese Zeilen etwas gefärbt sind, weil ich heute mit Bedauern feststellen musste, dass mein Tabak schon wieder um 15 Cent teurer geworden ist. Vor nicht einmal einem Jahr wurde er bereits um 30 Cent erhöht. Leutchen, die nicht bereit sind, ein jahrtausende altes Kulturerbe zu leugnen und trotz Hetzkampagnen dem Genuss weiter nachkommen, bluten zu lassen, ist nicht lieb!

Ironischerweise krieg ich für das Geld, was mein Tabakbeutel jetzt kostet, schon ein ganzes Hühnchen. Nur letzteres wächst nicht nach. ;-)


Wirre Gedanken um Einsen und Nullen

Prolog

Als ich in der Grundschule das Schreiben lernen sollte, hatte ich einen Zauberstift. Ich habe einfach nur gesagt: “Schreib!” und musste mir nie über die Eins im Diktat Gedanken machen. Sogar Aufsätze, freie Gedanken, brachte dieses Wunderwerk der Technik so unkompliziert und schnell auf das Papier, dass ich mich herrlich professionell und als Zeitgeist fühlen konnte. Wirklich fantastisch, aber wahr!

Während die anderen Kinder das Handbuch lasen das ABC lernten, erfreute ich mich einfach an meinem “Mega-Highend-Stift-3.6″ und fühlte mich in der Zukunft angekommen. Als allerdings eines Tages die Tinte leer war, traf mich die Gegenwart wie ein Schlag und bombte mich gleichzeitig erbarmungslos in die Vergangenheit zurück.

(Glücklicherweise habe ich dann in der 6. Klasse das ABC doch noch gelernt und meine Mitschüler, die bereits den Unterschied zwischen Appositionen und “gewöhnlichen” Attributen büffelten, gaben mir den Spitznamen “Comic Sans”. Ich habe allerdings bis heute nicht herausgefunden, ob das wirklich lieb gemeint war…)

Erster Teil

Natürlich macht man sich keine Freunde, wenn man schon seit Jahren die Einführung eines “Computerführerscheins” propagiert. Klar ist auch, dass sich zumeist jene zu empörten Worten hinreißen lassen, die fürchten müssen, eine solche Prüfung nicht zu bestehen. Ein Stück weit kann ich diese Empörung sogar verstehen, suggeriert die Industrie doch, dass die elektronischen Kisten kinderleicht zu bedienen und der Umgang mit ihnen spielend zu erlernen sei. Oftmals ist dies schon der erste Trugschluss.

Mit der Kritik an der Vermarktung möchte ich jedoch den Benutzer, der sich ein solches Endgerät angeschafft hat, nicht gänzlich von der Verantwortung frei sprechen. Im Gegenteil. Zu schnell passiert es nämlich, dass man die Schuld voreilig bei anderen – ja, auch beim Computer selbst – sucht, statt sein eigenes Nutzungsverhalten in Frage zu stellen. Oder anders und plakativer gesagt: Wer auf “Russenschlampen.to” surft, muss sich nicht wundern, warum der Rechner “auf einmal soooo langsam” ist. (Und bevor hier eine urbane Legende ihre Geburt erlebt: Nein, es hat nichts damit zu tun, dass Russland so weit entfernt ist!)

Die Computer und auch die Internetleitungen, die heute verkauft werden, sind für den Privatanwender deutlich überproportioniert und dennoch saß ich auch im letzten Jahr wieder mehrmals an Rechnern neueren Datums, die über die Leistung eines Wald-und-Wiesen-Pentiums aus dem letzten Jahrtausend nicht hinaus kamen. Es entsteht dann leicht der Eindruck, dass sich im “Quadcore” drei Kerne schlafen gelegt haben, während der vierte nur übermüdet und trotzig seine Rechenarbeit auf Sparflamme ausführt und die elektronische Post derweil vom Briefträger überholt wird.

Wenn es zu solchen Leistungseinbrüchen kommt, ist es aus meiner sehr bescheidenen Erfahrung heraus, selten die Hardware, die Schäden aufweist oder sich aufgrund falscher Komponentenwahl oder Einbaufehler gegenseitig ausbremst. Sicherlich kommt auch das bisweilen vor, aber meistens ist es der Nutzer selbst, der seinen Rechner mit anarchistischer Unkenntnis in die Knie gezwungen hat.

Konfrontiert man einen Nutzer nun mit diesen Worten, so ist Erstaunliches zu beobachten: Wie ein ertapptes Kind setzt er die Unschuldsmiene auf, als wünsche er sich, er sei ein Staußenvogel und fast kapitulierend und gänzlich geknickt wiederholt er folgende Worte, bis er selbst an sie glaubt:

“Aber… ich hab doch gar nichts gemacht!”

Nun, was soll man da noch sagen? Ich fahre meinen Tüv-geprüften und generalüberholten Wagen bei gerader Strecke und trockener Straße gegen den einzigen Baum am Wegesrand und der Hersteller ist Schuld?

Ich hab doch nichts gemacht!

Noch dramatischer gefällig, hm?

Ich schieße jemandem in den Kopf, verteile sein Hirn in der Landschaft, lasse blutrote Farbtupfer komplimentär ins grüne Dickicht spritzen und hinterher war die Hardware schuld?

Ich hab doch nichts gemacht!

Natürlich ist mir dieser Reflex, der Menschen, die im Supermarkt eine Tüte Milch fallen lassen, sich umblicken und wenn niemand in der Nähe ist, pfeifend weggehen lässt, bekannt. Aber wer würde so etwas denn machen, wenn tatsächlich jemand zugesehen hätte und er damit bereits überführt wäre?

Die Antwort auf die natürlich rethorisch gestellte Frage ist einfach: ComputerDAUs-User machen das! Die Heftbeilage-DVD mit 30-Tage-Testversionen von Programmen, die kein Mensch braucht und für deren Vollversionen eine Bezahlung nie geplant war, als Corpus Delicti noch immer in der Hand, leugnen sie, was das Zeug hält! Selbst bei der Konfrontation mit einem Ausdruck und Abgleich ihrer 27seitigen Programmbibliotheken plädieren sie für “unschuldig”. Und wenn man sie fragt, warum sie vor Monaten das Programm

MEIN STAMMBAUM

IM HANDUMDREHEN, GANZ LEICHT, NOCH TOLLER, KOSTENLOS, ECHT JETZT!

(Hinweis: Datenspeicherung online, Internetverbindung erforderlich; für den Zugang nach Ablauf des Testmonats werden monatliche Kosten fällig. Testversion umfasst nicht den vollen Funktionsumfang. Mit Bestätigung der Lizenzbedingungen stimmen sie einer Vorratsdatenspeicherung zu und werden täglich über weitere, tolle Angebote von unseren Partnerunternehmen informiert.)

installiert haben, sich aber kein Projekt dazu findet, antworten sie fast stolz: “Ja, das wollte ich immer mal machen!” Entgegnet man daraufhin jedoch, warum sie das Programm dann nicht auch erst am “Immer-noch-mal-Tag” installieren, bzw. an dem Tag, an dem sie es auch nutzen wollen, kommt schnell wieder der Dackelblick und man kann ihnen nicht mehr böse sein. Sie jetzt auch noch für “Mein Tagebuch”, “Mein Traumhaus” und “Meine Auflistung sämtlicher Erhebungen meiner Raufasertapete” anzuprangern, wäre sadistisch.

Gerne bin ich dann wieder bereit, zu erklären, wie einfach ein einzelnes und einziges Blatt Papier in der Schreibtischschublade zu finden ist, wie ungleich schwerer, ein bestimmtes unter Hunderten und wie aufwendig, wenn diese hundert Blätter zudem noch willkürlich und unsortiert sind. Auch erinnere ich gerne daran, dass wir doch auch unsere Kellerräume gelegentlich ausmisten und den Hausmüll sogar wöchentlich entsorgen lassen. – Und was das Internet belangt, weise ich auch gerne darauf hin, dass niemand sich auf einen öffentlichen Platz stellen wollen würde und die Kunde über seine Syphillis verbreiten mag. Hat nichts mit dem Computer zu tun? Doch.

Selbstverständlich ist es mit einem Augenzwinkern versehen, wenn ich von einem “Computerführerschein” rede. Dennoch blutet mein Herz, wenn ich in regelmäßigen Abständen höre, dass sich jemand einen neuen Computer kauft, weil der zwei Jahre alte Vorläufer “zu langsam” sei. Am besten dann auch bei Media Markt, Saturn oder Aldi, weil die am großzügigsten mit den Worten “Mega”, “Super” und “Highend” um sich werfen und das ja nicht einfach so behaupten dürfen. Unsere Autos kaufen wir ja schließlich auch auf dem Polenmarkt! Billig gewinnt! Muss ja wahr sein! – Erinnert mich ein bisschen an diese kundenfischende “Megapixelschlacht” der Digitalkameras und das daraus resultierende, völlig irrationale Kaufverhalten. Geiz ist Geil. Drölfmillionen Megapixel aber keine Ahnung von Optik. Oder, um die Sesamstraße an der Stelle einmal zu zitieren: “Wer nicht fragt, bleibt dumm!”

Sicher, ich verstehe natürlich den Wunsch des Otto Normalverbrauchers, sich nicht lange in die Materie einlesen zu wollen. In völliger Übertreibung und komplett von der Werbung mit einer Hirnwäsche gesegnet, wurde mir schon mitgeteilt, man wolle schließlich “kein Diplom” machen. Der Rechner solle ja schließlich einfach nur das machen, was man verlangt!

“Möchten sie wirklich die Datei furz.exe starten?”

“Klar, ist witzig!”

“Möchten Sie wirklich, dass die Bildbearbeitung Gimp künftig, nachdem es mühselig alle Paletten und Werkzeuge geladen hat, die für ihre Bedürnisse nicht von belang sind, ihre .jpg-Dateien verwaltet und öffnet, obwohl ihr dafür besser geeignetes Betrachtungstool es schneller könnte?”

“Äh… was? Ähm…” *klickklickklick*

Zehn Minuten später klingelt bei mir das Telefon:

“Ingo?”

“Ja, was kann ich für dich tun?”

“Also… dieser neue Rechner, den du mir empfohlen hast, ist ja der totale Schrott! Der ist plötzlich so langsam. Außerdem kann ich nicht mehr mit dem Mausrad die Bilder weiterschalten. Und wenn ich ins Internet möchte, steht da immer “Yahoo”. Das sah gestern noch anders aus!”

Ich möchte dann gerne mit dem alten Witz antworten:

“Hast du die Verpackung noch?”

“Ja”

“Gut, dann pack den Rechner ein und bring ihn zum Händler, bei dem du ihn gekauft hast.”

“Ach, ist er wirklich so kaputt, dass eine Reparatur nötig ist?”

“Nein. Sag dem Händler einfach, dass du ihn zurückgeben möchtest, weil du zu dumm bist, ihn zu benutzen.”

Zweiter Teil

Wohlgemerkt, ich rede immer noch von Privatanwendern und nicht von Menschen, die ihr Geld damit verdienen. Auch geht es mir noch nicht einmal um die Systempflege selbst, sondern einzig darum, etwas mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, wenn es um die Entscheidung geht, ob ein Programm installiert werden soll, ob es benötigt wird, oder ob der kurze Spaß, den ein Programm verspricht, die möglichen Folgen wirklich wert sein wird.

Praktisch betrachtet, ist es doch fatalerweise so, dass viele der besagten Privatanwender auch einen Beruf haben. Und in den meisten Berufen wird es auch Computer geben. Und dieser Umstand hat dann im Gegensatz zu den reinen Privatpersonen auch einen direkten Bezug zu meinem Leben und meiner Erwartungshaltung. Ich erwarte nämlich als Kunde, dass man nicht Lieschen Müller mit einem Vormittag “MS Office für Anfänger” fortbildet und glaubt, sich nun einen Experten gezüchtet zu haben, der künftig die Datenbanken meiner Versicherungsbeitragszahlungen verwaltet.

Mir ist bewusst, dass ich mal wieder wie eine “Drama-Queen” klinge, aber mal ehrlich: Wie sonst soll ich dem Umstand begegnen, dass ich im letzten Jahr drei Mal das exakt selbe gleiche Schreiben innerhalb von wenigen Wochen vom selben Unternehmen bekommen habe? Wie sonst soll ich die Tatsache verarbeiten, eine utopische, um das siebzehnfach Höhere Rechnung bekommen zu haben, als belegbar ist? Doch nur mit dem Umstand, dass der Computer in immer weiteren Teilen offensichtlich das Hirn ersetzt hat. Frei nach dem Motto: Auch wenn zwei und zwei mal fünf ergibt, schicken wir das Schreiben raus.

Nach Rücksprache entdeckt man dann natürlich zunächst das längst bekannte Phänomen “Ich-war’s-nicht!”. Schuld sind die anderen. In unserem speziellen Fall ist die gern genannte und anonym erscheinende “EDV” schuld an der Misere. Dass Menschen diese elektronische Datenverarbeitung steuern, die bei dem unvorbereiteten und redlichen Bürger gerne mal als Schockmoment wahrgenommen werden kann, spielt keine Rolle. Die “EDV” ist der Ablassbrief der Gegenwart.

Ich gelobe und schwöre es: Der Tag, an dem mir ein Mitarbeiter einer computergesteuerten Firma einmal sagen wird: “Oops, da hab ich wohl Scheiße gebaut!”, wird der Tag sein, an dem ich möglicherweise den Glauben an die Menschheit wiederentdecken werde. Zumindest plane ich, einen Schrein zu errichten.

Es wird der Tag sein, an dem ich glauben werde, dass Lieschen Müller tatsächlich das Handbuch gelesen hat. Und ich werde glauben, dass sie es in ihrer Freizeit tat, weil sie entgegen der Meinung ihres Vorgesetzten, der Überzeugung war, es ginge eben nicht, in den bewilligten und bezahlten zwei Stunden, sich eine völlig neue Materie ausreichend zu erschließen. Ich werde glauben, Lieschen Müller wird mit ihrer Pionierarbeit Geschichte schreiben und als leuchtend, strahlendes Vorbild in die Analen eingehen, als die Person, die uns die Erkenntnis brachte, dass kein Computer der Welt uns das Denken abnehmen kann.

Ich glaube, ich werde Lieschen Müller heiraten.

Epilog

Bei all meinem etwas strengen Geschimpfe gibt es allerdings bei den Nutzern von Computern ein weiteres, auf Lernfähigkeit hindeutendes und sehr witziges Phänomen: Egal, wie wenig sie sich auch mit der Materie des Computers beschäftigt haben, eines waren sie stets schnell zu lernen bereit: Den Cache und den Verlauf ihres Browsers zu löschen…

Als peitschenschwingende, russische Stewardess in Schuluniform würde ich mir da irgendwie missbraucht vorkommen… ach… egal. ;–)

Liebe Grüße, Ingo


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.