Unverhältnismäßig

Es wird mir schwer fallen, bei den folgenden Zeilen möglichst sachlich zu bleiben und nicht dem Verlangen nachzugeben, polemisch und sarkastisch zu werden, denn es geht um das Thema, an dem selbst Freundschaften zerbrechen können. Es geht um etwas, das eigentlich paradox ist, weil es einen hohen Wert darstellt, ohne in sich, oder aus sich heraus diesen Wert überhaupt zu besitzen oder generieren zu können. Es geht um das Geld.

Nun ist meine finanzielle Situation sicherlich nicht die beste, doch bin ich auch weit davon entfernt mich wirklich beklagen zu können, oder überhaupt zu wollen. Dennoch merke ich sehr deutlich, dass ich über die letzten Jahre hinweg immer besser und besser haushalten und Stück um Stück meine Ausgaben nach unten anpassen und Prioritäten verschieben muss, obwohl ich meine eigenen Ansprüche ohnehin schon als „recht bescheiden“ einschätzen würde.

Interessant ist zum Beispiel folgende Augenwischerei: Als Rentner wird man darauf hingewiesen, zusätzliche Sozialleistungen beantragen zu können, da die Rente in vielen Fällen nicht ausreichend ist. Eine dieser Leistungen ist das Wohngeld, das relativ unkompliziert beantragt werden kann. (Vor über einem Jahr wurde dieses Wohngeld noch um die sinnvolle Heizkostenpauschale ergänzt, die jedoch mittlerweile weggefallen ist.)

Die Rente selbst wird im Jahr um etwa 1% erhöht. Vereinfacht gesagt, dient diese Anpassung dazu, die Inflation und das steigende Lohnniveau auszugleichen. Klingt erst einmal fair. Sollte man jedoch oben genannte Sozialleistung beantragt haben, wird diese unter Berücksichtigung der Rentenanpassung neu berechnet. Am Ende bekommt man exakt den Wert, der bei der Rente erhöht worden ist, an Sozialleistungen wieder abgezogen. Mit anderen Worten: Man bekommt trotz Rentenerhöhung zusammen genommen jedes Jahr das gleiche Geld und der eigentliche Plan, die Inflation abzufedern, existiert nur noch auf dem Papier.

Glücklicherweise – und deshalb meckere ich auch nicht – gibt es bei der reinen Grundversorgung mit („no name“) Nahrungs- und Kleidungsmitteln keine nennenswerten, bzw. nur selten Preisveränderungen. Seit die großen Ketten ihre eigenen Produktpaletten in die Regale gebracht haben, die sich exakt am Vorreiter Aldi orientieren und somit preislich auf dem selben Niveau liegen, ist es auch ohne Umwege möglich, sich vollwertig, abwechslungsreich und gleichzeitig günstig zu versorgen.

Teuer hingegen wird es bei Luxusartikeln. Und genau hier merkt man die deutlichen Einschnitte, die eine „stabile“ Rente immer schmaler zu werden scheinen lassen. Kaffee beispielsweise ist eindeutig ein Genussmittel und damit als Luxus anzusehen. Dennoch würde man wohl kaum jemandem einen verschwenderischen Umgang unterstellen, wenn er sich diesen Luxus allmorgendlich gönnt. Wie jeder Kaffeetrinker weiß, sind sämtliche Kaffeesorten im letzten Jahr um rund einen Euro teurer geworden. Selbst für die Billigmarken hieß dies einen Anstieg von 2,79 Euro auf 3,79 Euro. Die meisten anderen Beispiele sind nicht ganz so drastisch, wirken sich aber in der Summe aus. Vor allem, wenn wir hier nicht in Monaten, sondern in Jahren rechnen.

Die Frage, die sich stellt ist, wieviel Luxus auch der ärmste Mensch nun braucht. Und ich rede bewusst von „brauchen“ und nicht von „haben dürfen“, denn mir ist klar, dass es nicht nur vereinzelt Meinungen gibt, die dem weniger potenten Teil der Gesellschaft am liebsten die Grundrechte absprechen und ihnen jegliche Versorgung streichen wollen würden. Das wäre dann in etwa das, was viele Länder erreicht haben, die eigentlich den Kommunismus als Ziel hatten…

Ich denke, die Bedürfnisse eines Menschen sind zu einem großen Teil abhängig von der Gesellschaft in der er lebt. Je besser es der Gesellschaft geht, desto höher werden auch die Ansprüche des schwächsten Gliedes in der Kette. Es wäre fatal, würde man diese Bedürfnisse nun ignorieren oder auf Grundbedürfnisse reduzieren. Die Unzufriedenheit ist immer noch der Staatsfeind Nr. 1. – Kaiser und Könige fürchteten den Unmut des Volkes und die, die ihn nicht fürchteten sind wohl die, die ihren Kopf bei Revolten, Aufständen und Revolutionen verloren haben. Quasi die brachiale Rohfassung vom „Wutbürger“.

Und auch in der Geschichte ging es nicht einzig um die Grundversorgung, die gewährleistet werden musste, damit ein Volk sich regieren lassen hat. Stets gab es auch andere Bedürfnisse, ob nun Freiheitsgedanken in Meinung, Bildung oder Religion, oder schlicht „Unterhaltung“. Somit halte ich es auch in einem modernen Staatengebilde für erstrebenswert, sich sorgfältig damit zu beschäftigen, welche ungestillten Bedürnisse, – außer Wasser und Brot – noch zu Unmut führen könnten. Ich halte es beispielsweise nicht für ratsam, dem Hartz-4-Empfänger die Zigaretten zu streichen. Ob durch Kürzungen, unverhältnismäßige Besteuerung der Tabakwaren oder nicht abgefederte Inflation sei dahingestellt und ist im Resultat auch einerlei…

Gefühlt ist das staatliche Rentensystem, trotz Reformen, allein schon an der Demografie gescheitert, auch wenn noch nicht jeder die Auswirkungen spürt. Das Model Walter Riesters scheitert für mich daran, dass die, die es am dringensten bräuchten, es sich einfach nicht leisten können. Da ändert auch eine werbewirksam ins Licht gerückte, staatliche Förderung nicht viel. Selbst die bröckelnde Mittelschicht muss schon zweimal überlegen.

Wie eingangs schon erwähnt, habe ich persönlich keinen Grund, mich zu beklagen. Dennoch mache ich mir natürlich Gedanken darum, wie es in ein paar Jahren aussehen wird, wenn ich die selbe Summe in meiner Geldbörse haben werde, die mir heute für die Deckung meines Lebensunterhaltes zu Verfügung steht. Natürlich denke ich da auch an die unmittelbare Zukunft, in der zu erwarten ist, dass die Strompreisentwicklung keinen angenehmen Kurs einschlagen wird. (Auch hier wird es wohl die Mittelschicht am deutlichsten treffen.)

Wenn ich jetzt noch daran denke, dass die Bundesregierung, selbst mit den salbungsvollsten Worten, die Akademiker nicht überzeugend dazu bringen kann, „Eliten zu züchten“ und von den wenigen Kindern, die den Generationenvertrag nicht einhalten können werden, so sehr sie sich auch bemühen, ein großer Teil aus den bildungsfernen Bereichen kommt, dann sehe ich, in einer stetig fortschreitenden, technologisierten Gesellschaft, mit immer weniger Bedarf am „klassischen Arbeiter“, einen Teufelskreis am Horizont, der irgendwie gruselig wirkt.

Vermutlich werde ich dieses Horrorszenario aber nicht mehr miterleben. Alleine schon, weil meine Gesundheit nicht so lange anhalten wird, weil die ärztlichen Praxisgebühren von mir anderweitig genutzt werden. Statt zum Arzt zu gehen, stopfe ich damit das Loch, das die Inflation in meiner Kasse hinterlässt… ;-)

Liebe Grüße,

Ingo

P.S.: Ich gestehe, dass diese Zeilen etwas gefärbt sind, weil ich heute mit Bedauern feststellen musste, dass mein Tabak schon wieder um 15 Cent teurer geworden ist. Vor nicht einmal einem Jahr wurde er bereits um 30 Cent erhöht. Leutchen, die nicht bereit sind, ein jahrtausende altes Kulturerbe zu leugnen und trotz Hetzkampagnen dem Genuss weiter nachkommen, bluten zu lassen, ist nicht lieb!

Ironischerweise krieg ich für das Geld, was mein Tabakbeutel jetzt kostet, schon ein ganzes Hühnchen. Nur letzteres wächst nicht nach. ;-)

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2 Antworten zu „Unverhältnismäßig“

  • mk

    Die Regierung ist hauptsächlich eine kostspielige Organisation, die sich mit Übeltätern abgibt und die Leute besteuert, die sich ordentlich aufführen.

    Für die anständigen Menschen tut die Regierung ziemlich wenig – abgesehen davon, daß sie sie ärgert.

    Edgar Watson Howe

  • Änne

    Jaja, die ganze Rentenkacke. Ist schon traurig zu sehen, wie die Leute verarscht werden. Wenn jemand tatsächlich auf die (meiner Meinung nach) doofe Idee kommt zu “riestern”, dem wird genau dieser Betrag bei der Besteuerung der Rente fast wieder abgezogen. “Riestern” ist im Prinzip sparen für den Staat.

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