Monatsarchiv: Februar 2012

Unverhältnismäßig

Es wird mir schwer fallen, bei den folgenden Zeilen möglichst sachlich zu bleiben und nicht dem Verlangen nachzugeben, polemisch und sarkastisch zu werden, denn es geht um das Thema, an dem selbst Freundschaften zerbrechen können. Es geht um etwas, das eigentlich paradox ist, weil es einen hohen Wert darstellt, ohne in sich, oder aus sich heraus diesen Wert überhaupt zu besitzen oder generieren zu können. Es geht um das Geld.

Nun ist meine finanzielle Situation sicherlich nicht die beste, doch bin ich auch weit davon entfernt mich wirklich beklagen zu können, oder überhaupt zu wollen. Dennoch merke ich sehr deutlich, dass ich über die letzten Jahre hinweg immer besser und besser haushalten und Stück um Stück meine Ausgaben nach unten anpassen und Prioritäten verschieben muss, obwohl ich meine eigenen Ansprüche ohnehin schon als „recht bescheiden“ einschätzen würde.

Interessant ist zum Beispiel folgende Augenwischerei: Als Rentner wird man darauf hingewiesen, zusätzliche Sozialleistungen beantragen zu können, da die Rente in vielen Fällen nicht ausreichend ist. Eine dieser Leistungen ist das Wohngeld, das relativ unkompliziert beantragt werden kann. (Vor über einem Jahr wurde dieses Wohngeld noch um die sinnvolle Heizkostenpauschale ergänzt, die jedoch mittlerweile weggefallen ist.)

Die Rente selbst wird im Jahr um etwa 1% erhöht. Vereinfacht gesagt, dient diese Anpassung dazu, die Inflation und das steigende Lohnniveau auszugleichen. Klingt erst einmal fair. Sollte man jedoch oben genannte Sozialleistung beantragt haben, wird diese unter Berücksichtigung der Rentenanpassung neu berechnet. Am Ende bekommt man exakt den Wert, der bei der Rente erhöht worden ist, an Sozialleistungen wieder abgezogen. Mit anderen Worten: Man bekommt trotz Rentenerhöhung zusammen genommen jedes Jahr das gleiche Geld und der eigentliche Plan, die Inflation abzufedern, existiert nur noch auf dem Papier.

Glücklicherweise – und deshalb meckere ich auch nicht – gibt es bei der reinen Grundversorgung mit („no name“) Nahrungs- und Kleidungsmitteln keine nennenswerten, bzw. nur selten Preisveränderungen. Seit die großen Ketten ihre eigenen Produktpaletten in die Regale gebracht haben, die sich exakt am Vorreiter Aldi orientieren und somit preislich auf dem selben Niveau liegen, ist es auch ohne Umwege möglich, sich vollwertig, abwechslungsreich und gleichzeitig günstig zu versorgen.

Teuer hingegen wird es bei Luxusartikeln. Und genau hier merkt man die deutlichen Einschnitte, die eine „stabile“ Rente immer schmaler zu werden scheinen lassen. Kaffee beispielsweise ist eindeutig ein Genussmittel und damit als Luxus anzusehen. Dennoch würde man wohl kaum jemandem einen verschwenderischen Umgang unterstellen, wenn er sich diesen Luxus allmorgendlich gönnt. Wie jeder Kaffeetrinker weiß, sind sämtliche Kaffeesorten im letzten Jahr um rund einen Euro teurer geworden. Selbst für die Billigmarken hieß dies einen Anstieg von 2,79 Euro auf 3,79 Euro. Die meisten anderen Beispiele sind nicht ganz so drastisch, wirken sich aber in der Summe aus. Vor allem, wenn wir hier nicht in Monaten, sondern in Jahren rechnen.

Die Frage, die sich stellt ist, wieviel Luxus auch der ärmste Mensch nun braucht. Und ich rede bewusst von „brauchen“ und nicht von „haben dürfen“, denn mir ist klar, dass es nicht nur vereinzelt Meinungen gibt, die dem weniger potenten Teil der Gesellschaft am liebsten die Grundrechte absprechen und ihnen jegliche Versorgung streichen wollen würden. Das wäre dann in etwa das, was viele Länder erreicht haben, die eigentlich den Kommunismus als Ziel hatten…

Ich denke, die Bedürfnisse eines Menschen sind zu einem großen Teil abhängig von der Gesellschaft in der er lebt. Je besser es der Gesellschaft geht, desto höher werden auch die Ansprüche des schwächsten Gliedes in der Kette. Es wäre fatal, würde man diese Bedürfnisse nun ignorieren oder auf Grundbedürfnisse reduzieren. Die Unzufriedenheit ist immer noch der Staatsfeind Nr. 1. – Kaiser und Könige fürchteten den Unmut des Volkes und die, die ihn nicht fürchteten sind wohl die, die ihren Kopf bei Revolten, Aufständen und Revolutionen verloren haben. Quasi die brachiale Rohfassung vom „Wutbürger“.

Und auch in der Geschichte ging es nicht einzig um die Grundversorgung, die gewährleistet werden musste, damit ein Volk sich regieren lassen hat. Stets gab es auch andere Bedürfnisse, ob nun Freiheitsgedanken in Meinung, Bildung oder Religion, oder schlicht „Unterhaltung“. Somit halte ich es auch in einem modernen Staatengebilde für erstrebenswert, sich sorgfältig damit zu beschäftigen, welche ungestillten Bedürnisse, – außer Wasser und Brot – noch zu Unmut führen könnten. Ich halte es beispielsweise nicht für ratsam, dem Hartz-4-Empfänger die Zigaretten zu streichen. Ob durch Kürzungen, unverhältnismäßige Besteuerung der Tabakwaren oder nicht abgefederte Inflation sei dahingestellt und ist im Resultat auch einerlei…

Gefühlt ist das staatliche Rentensystem, trotz Reformen, allein schon an der Demografie gescheitert, auch wenn noch nicht jeder die Auswirkungen spürt. Das Model Walter Riesters scheitert für mich daran, dass die, die es am dringensten bräuchten, es sich einfach nicht leisten können. Da ändert auch eine werbewirksam ins Licht gerückte, staatliche Förderung nicht viel. Selbst die bröckelnde Mittelschicht muss schon zweimal überlegen.

Wie eingangs schon erwähnt, habe ich persönlich keinen Grund, mich zu beklagen. Dennoch mache ich mir natürlich Gedanken darum, wie es in ein paar Jahren aussehen wird, wenn ich die selbe Summe in meiner Geldbörse haben werde, die mir heute für die Deckung meines Lebensunterhaltes zu Verfügung steht. Natürlich denke ich da auch an die unmittelbare Zukunft, in der zu erwarten ist, dass die Strompreisentwicklung keinen angenehmen Kurs einschlagen wird. (Auch hier wird es wohl die Mittelschicht am deutlichsten treffen.)

Wenn ich jetzt noch daran denke, dass die Bundesregierung, selbst mit den salbungsvollsten Worten, die Akademiker nicht überzeugend dazu bringen kann, „Eliten zu züchten“ und von den wenigen Kindern, die den Generationenvertrag nicht einhalten können werden, so sehr sie sich auch bemühen, ein großer Teil aus den bildungsfernen Bereichen kommt, dann sehe ich, in einer stetig fortschreitenden, technologisierten Gesellschaft, mit immer weniger Bedarf am „klassischen Arbeiter“, einen Teufelskreis am Horizont, der irgendwie gruselig wirkt.

Vermutlich werde ich dieses Horrorszenario aber nicht mehr miterleben. Alleine schon, weil meine Gesundheit nicht so lange anhalten wird, weil die ärztlichen Praxisgebühren von mir anderweitig genutzt werden. Statt zum Arzt zu gehen, stopfe ich damit das Loch, das die Inflation in meiner Kasse hinterlässt… ;-)

Liebe Grüße,

Ingo

P.S.: Ich gestehe, dass diese Zeilen etwas gefärbt sind, weil ich heute mit Bedauern feststellen musste, dass mein Tabak schon wieder um 15 Cent teurer geworden ist. Vor nicht einmal einem Jahr wurde er bereits um 30 Cent erhöht. Leutchen, die nicht bereit sind, ein jahrtausende altes Kulturerbe zu leugnen und trotz Hetzkampagnen dem Genuss weiter nachkommen, bluten zu lassen, ist nicht lieb!

Ironischerweise krieg ich für das Geld, was mein Tabakbeutel jetzt kostet, schon ein ganzes Hühnchen. Nur letzteres wächst nicht nach. ;-)


Wirre Gedanken um Einsen und Nullen

Prolog

Als ich in der Grundschule das Schreiben lernen sollte, hatte ich einen Zauberstift. Ich habe einfach nur gesagt: “Schreib!” und musste mir nie über die Eins im Diktat Gedanken machen. Sogar Aufsätze, freie Gedanken, brachte dieses Wunderwerk der Technik so unkompliziert und schnell auf das Papier, dass ich mich herrlich professionell und als Zeitgeist fühlen konnte. Wirklich fantastisch, aber wahr!

Während die anderen Kinder das Handbuch lasen das ABC lernten, erfreute ich mich einfach an meinem “Mega-Highend-Stift-3.6″ und fühlte mich in der Zukunft angekommen. Als allerdings eines Tages die Tinte leer war, traf mich die Gegenwart wie ein Schlag und bombte mich gleichzeitig erbarmungslos in die Vergangenheit zurück.

(Glücklicherweise habe ich dann in der 6. Klasse das ABC doch noch gelernt und meine Mitschüler, die bereits den Unterschied zwischen Appositionen und “gewöhnlichen” Attributen büffelten, gaben mir den Spitznamen “Comic Sans”. Ich habe allerdings bis heute nicht herausgefunden, ob das wirklich lieb gemeint war…)

Erster Teil

Natürlich macht man sich keine Freunde, wenn man schon seit Jahren die Einführung eines “Computerführerscheins” propagiert. Klar ist auch, dass sich zumeist jene zu empörten Worten hinreißen lassen, die fürchten müssen, eine solche Prüfung nicht zu bestehen. Ein Stück weit kann ich diese Empörung sogar verstehen, suggeriert die Industrie doch, dass die elektronischen Kisten kinderleicht zu bedienen und der Umgang mit ihnen spielend zu erlernen sei. Oftmals ist dies schon der erste Trugschluss.

Mit der Kritik an der Vermarktung möchte ich jedoch den Benutzer, der sich ein solches Endgerät angeschafft hat, nicht gänzlich von der Verantwortung frei sprechen. Im Gegenteil. Zu schnell passiert es nämlich, dass man die Schuld voreilig bei anderen – ja, auch beim Computer selbst – sucht, statt sein eigenes Nutzungsverhalten in Frage zu stellen. Oder anders und plakativer gesagt: Wer auf “Russenschlampen.to” surft, muss sich nicht wundern, warum der Rechner “auf einmal soooo langsam” ist. (Und bevor hier eine urbane Legende ihre Geburt erlebt: Nein, es hat nichts damit zu tun, dass Russland so weit entfernt ist!)

Die Computer und auch die Internetleitungen, die heute verkauft werden, sind für den Privatanwender deutlich überproportioniert und dennoch saß ich auch im letzten Jahr wieder mehrmals an Rechnern neueren Datums, die über die Leistung eines Wald-und-Wiesen-Pentiums aus dem letzten Jahrtausend nicht hinaus kamen. Es entsteht dann leicht der Eindruck, dass sich im “Quadcore” drei Kerne schlafen gelegt haben, während der vierte nur übermüdet und trotzig seine Rechenarbeit auf Sparflamme ausführt und die elektronische Post derweil vom Briefträger überholt wird.

Wenn es zu solchen Leistungseinbrüchen kommt, ist es aus meiner sehr bescheidenen Erfahrung heraus, selten die Hardware, die Schäden aufweist oder sich aufgrund falscher Komponentenwahl oder Einbaufehler gegenseitig ausbremst. Sicherlich kommt auch das bisweilen vor, aber meistens ist es der Nutzer selbst, der seinen Rechner mit anarchistischer Unkenntnis in die Knie gezwungen hat.

Konfrontiert man einen Nutzer nun mit diesen Worten, so ist Erstaunliches zu beobachten: Wie ein ertapptes Kind setzt er die Unschuldsmiene auf, als wünsche er sich, er sei ein Staußenvogel und fast kapitulierend und gänzlich geknickt wiederholt er folgende Worte, bis er selbst an sie glaubt:

“Aber… ich hab doch gar nichts gemacht!”

Nun, was soll man da noch sagen? Ich fahre meinen Tüv-geprüften und generalüberholten Wagen bei gerader Strecke und trockener Straße gegen den einzigen Baum am Wegesrand und der Hersteller ist Schuld?

Ich hab doch nichts gemacht!

Noch dramatischer gefällig, hm?

Ich schieße jemandem in den Kopf, verteile sein Hirn in der Landschaft, lasse blutrote Farbtupfer komplimentär ins grüne Dickicht spritzen und hinterher war die Hardware schuld?

Ich hab doch nichts gemacht!

Natürlich ist mir dieser Reflex, der Menschen, die im Supermarkt eine Tüte Milch fallen lassen, sich umblicken und wenn niemand in der Nähe ist, pfeifend weggehen lässt, bekannt. Aber wer würde so etwas denn machen, wenn tatsächlich jemand zugesehen hätte und er damit bereits überführt wäre?

Die Antwort auf die natürlich rethorisch gestellte Frage ist einfach: ComputerDAUs-User machen das! Die Heftbeilage-DVD mit 30-Tage-Testversionen von Programmen, die kein Mensch braucht und für deren Vollversionen eine Bezahlung nie geplant war, als Corpus Delicti noch immer in der Hand, leugnen sie, was das Zeug hält! Selbst bei der Konfrontation mit einem Ausdruck und Abgleich ihrer 27seitigen Programmbibliotheken plädieren sie für “unschuldig”. Und wenn man sie fragt, warum sie vor Monaten das Programm

MEIN STAMMBAUM

IM HANDUMDREHEN, GANZ LEICHT, NOCH TOLLER, KOSTENLOS, ECHT JETZT!

(Hinweis: Datenspeicherung online, Internetverbindung erforderlich; für den Zugang nach Ablauf des Testmonats werden monatliche Kosten fällig. Testversion umfasst nicht den vollen Funktionsumfang. Mit Bestätigung der Lizenzbedingungen stimmen sie einer Vorratsdatenspeicherung zu und werden täglich über weitere, tolle Angebote von unseren Partnerunternehmen informiert.)

installiert haben, sich aber kein Projekt dazu findet, antworten sie fast stolz: “Ja, das wollte ich immer mal machen!” Entgegnet man daraufhin jedoch, warum sie das Programm dann nicht auch erst am “Immer-noch-mal-Tag” installieren, bzw. an dem Tag, an dem sie es auch nutzen wollen, kommt schnell wieder der Dackelblick und man kann ihnen nicht mehr böse sein. Sie jetzt auch noch für “Mein Tagebuch”, “Mein Traumhaus” und “Meine Auflistung sämtlicher Erhebungen meiner Raufasertapete” anzuprangern, wäre sadistisch.

Gerne bin ich dann wieder bereit, zu erklären, wie einfach ein einzelnes und einziges Blatt Papier in der Schreibtischschublade zu finden ist, wie ungleich schwerer, ein bestimmtes unter Hunderten und wie aufwendig, wenn diese hundert Blätter zudem noch willkürlich und unsortiert sind. Auch erinnere ich gerne daran, dass wir doch auch unsere Kellerräume gelegentlich ausmisten und den Hausmüll sogar wöchentlich entsorgen lassen. – Und was das Internet belangt, weise ich auch gerne darauf hin, dass niemand sich auf einen öffentlichen Platz stellen wollen würde und die Kunde über seine Syphillis verbreiten mag. Hat nichts mit dem Computer zu tun? Doch.

Selbstverständlich ist es mit einem Augenzwinkern versehen, wenn ich von einem “Computerführerschein” rede. Dennoch blutet mein Herz, wenn ich in regelmäßigen Abständen höre, dass sich jemand einen neuen Computer kauft, weil der zwei Jahre alte Vorläufer “zu langsam” sei. Am besten dann auch bei Media Markt, Saturn oder Aldi, weil die am großzügigsten mit den Worten “Mega”, “Super” und “Highend” um sich werfen und das ja nicht einfach so behaupten dürfen. Unsere Autos kaufen wir ja schließlich auch auf dem Polenmarkt! Billig gewinnt! Muss ja wahr sein! – Erinnert mich ein bisschen an diese kundenfischende “Megapixelschlacht” der Digitalkameras und das daraus resultierende, völlig irrationale Kaufverhalten. Geiz ist Geil. Drölfmillionen Megapixel aber keine Ahnung von Optik. Oder, um die Sesamstraße an der Stelle einmal zu zitieren: “Wer nicht fragt, bleibt dumm!”

Sicher, ich verstehe natürlich den Wunsch des Otto Normalverbrauchers, sich nicht lange in die Materie einlesen zu wollen. In völliger Übertreibung und komplett von der Werbung mit einer Hirnwäsche gesegnet, wurde mir schon mitgeteilt, man wolle schließlich “kein Diplom” machen. Der Rechner solle ja schließlich einfach nur das machen, was man verlangt!

“Möchten sie wirklich die Datei furz.exe starten?”

“Klar, ist witzig!”

“Möchten Sie wirklich, dass die Bildbearbeitung Gimp künftig, nachdem es mühselig alle Paletten und Werkzeuge geladen hat, die für ihre Bedürnisse nicht von belang sind, ihre .jpg-Dateien verwaltet und öffnet, obwohl ihr dafür besser geeignetes Betrachtungstool es schneller könnte?”

“Äh… was? Ähm…” *klickklickklick*

Zehn Minuten später klingelt bei mir das Telefon:

“Ingo?”

“Ja, was kann ich für dich tun?”

“Also… dieser neue Rechner, den du mir empfohlen hast, ist ja der totale Schrott! Der ist plötzlich so langsam. Außerdem kann ich nicht mehr mit dem Mausrad die Bilder weiterschalten. Und wenn ich ins Internet möchte, steht da immer “Yahoo”. Das sah gestern noch anders aus!”

Ich möchte dann gerne mit dem alten Witz antworten:

“Hast du die Verpackung noch?”

“Ja”

“Gut, dann pack den Rechner ein und bring ihn zum Händler, bei dem du ihn gekauft hast.”

“Ach, ist er wirklich so kaputt, dass eine Reparatur nötig ist?”

“Nein. Sag dem Händler einfach, dass du ihn zurückgeben möchtest, weil du zu dumm bist, ihn zu benutzen.”

Zweiter Teil

Wohlgemerkt, ich rede immer noch von Privatanwendern und nicht von Menschen, die ihr Geld damit verdienen. Auch geht es mir noch nicht einmal um die Systempflege selbst, sondern einzig darum, etwas mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, wenn es um die Entscheidung geht, ob ein Programm installiert werden soll, ob es benötigt wird, oder ob der kurze Spaß, den ein Programm verspricht, die möglichen Folgen wirklich wert sein wird.

Praktisch betrachtet, ist es doch fatalerweise so, dass viele der besagten Privatanwender auch einen Beruf haben. Und in den meisten Berufen wird es auch Computer geben. Und dieser Umstand hat dann im Gegensatz zu den reinen Privatpersonen auch einen direkten Bezug zu meinem Leben und meiner Erwartungshaltung. Ich erwarte nämlich als Kunde, dass man nicht Lieschen Müller mit einem Vormittag “MS Office für Anfänger” fortbildet und glaubt, sich nun einen Experten gezüchtet zu haben, der künftig die Datenbanken meiner Versicherungsbeitragszahlungen verwaltet.

Mir ist bewusst, dass ich mal wieder wie eine “Drama-Queen” klinge, aber mal ehrlich: Wie sonst soll ich dem Umstand begegnen, dass ich im letzten Jahr drei Mal das exakt selbe gleiche Schreiben innerhalb von wenigen Wochen vom selben Unternehmen bekommen habe? Wie sonst soll ich die Tatsache verarbeiten, eine utopische, um das siebzehnfach Höhere Rechnung bekommen zu haben, als belegbar ist? Doch nur mit dem Umstand, dass der Computer in immer weiteren Teilen offensichtlich das Hirn ersetzt hat. Frei nach dem Motto: Auch wenn zwei und zwei mal fünf ergibt, schicken wir das Schreiben raus.

Nach Rücksprache entdeckt man dann natürlich zunächst das längst bekannte Phänomen “Ich-war’s-nicht!”. Schuld sind die anderen. In unserem speziellen Fall ist die gern genannte und anonym erscheinende “EDV” schuld an der Misere. Dass Menschen diese elektronische Datenverarbeitung steuern, die bei dem unvorbereiteten und redlichen Bürger gerne mal als Schockmoment wahrgenommen werden kann, spielt keine Rolle. Die “EDV” ist der Ablassbrief der Gegenwart.

Ich gelobe und schwöre es: Der Tag, an dem mir ein Mitarbeiter einer computergesteuerten Firma einmal sagen wird: “Oops, da hab ich wohl Scheiße gebaut!”, wird der Tag sein, an dem ich möglicherweise den Glauben an die Menschheit wiederentdecken werde. Zumindest plane ich, einen Schrein zu errichten.

Es wird der Tag sein, an dem ich glauben werde, dass Lieschen Müller tatsächlich das Handbuch gelesen hat. Und ich werde glauben, dass sie es in ihrer Freizeit tat, weil sie entgegen der Meinung ihres Vorgesetzten, der Überzeugung war, es ginge eben nicht, in den bewilligten und bezahlten zwei Stunden, sich eine völlig neue Materie ausreichend zu erschließen. Ich werde glauben, Lieschen Müller wird mit ihrer Pionierarbeit Geschichte schreiben und als leuchtend, strahlendes Vorbild in die Analen eingehen, als die Person, die uns die Erkenntnis brachte, dass kein Computer der Welt uns das Denken abnehmen kann.

Ich glaube, ich werde Lieschen Müller heiraten.

Epilog

Bei all meinem etwas strengen Geschimpfe gibt es allerdings bei den Nutzern von Computern ein weiteres, auf Lernfähigkeit hindeutendes und sehr witziges Phänomen: Egal, wie wenig sie sich auch mit der Materie des Computers beschäftigt haben, eines waren sie stets schnell zu lernen bereit: Den Cache und den Verlauf ihres Browsers zu löschen…

Als peitschenschwingende, russische Stewardess in Schuluniform würde ich mir da irgendwie missbraucht vorkommen… ach… egal. ;–)

Liebe Grüße, Ingo


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