Es ist kein großes Geheimnis, dass ich kein Freund des Fernsehens bin und vielleicht eignet sich der, in den Kommentaren schon erwähnte, „ESC“ ganz gut, um meine Haltung einmal etwas genauer zu erklären. Vielleicht eignet sich auch der ein oder andere Ausflug, dem ich nicht entkam, weil ich zu spät umgeschaltet habe, seit ich angemeldeter Benutzer eines „neuen Mediums“ bin, dazu. Wir werden sehen.
Da ich den „Eurovision Song Contest“ selbst nicht gesehen habe, ist es natürlich zunächst einmal angebracht, mir mahnend vorzuhalten, dass ich eben diesen gar nicht beurteilen könne. Das ist soweit auch legitim und richtig. Dennoch möchte ich nicht verschweigen, dass natürlich das Brimborium um diesen Wettbewerb durch die mediale Berichterstattung in Bild, Text und Ton nicht spurlos an mir vorbei gegangen ist. Ich hatte also durchaus einen „ESC Light“.
Der Grundgedanke dieses Events stört mich übrigens nicht im geringsten. Im Gegenteil: Der Gedanke, dass man Nachbarn zu sich nach Hause einlädt, um gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen und zu musizieren, gefällt mir ausgesprochen gut. Hier möchte ich auch qualitativ erst einmal nichts in Frage stellen, zumal ich nur ein einfacher Konsument, nicht aber ein Musikproduzent bin.
Was mich allerdings schon etwas abstößt, ist, beim Anhören der Songs, dass ich blind nicht die geringste Chance habe, zu erkennen, welchem Land eines der Lieder zuzuordnen ist. Meine pubertäre Übersetzung „Ein Fremder hat mich hart rangenommen“ sorgte zwar für ein Schmunzeln meinerseits und klang auch ziemlich deutsch, aber gesungen hat das Mädchen ja dann doch irgendwie etwas anderes. „Taken by a Stranger“ hätte ich also spontan eher dem angelsächsischen Bereich zugeordnet.
Wenn also diese Willkür der Sprache schon einen „nationalen Wettbewerb“ etwas merkwürdig erscheinen lässt, dann sind es letztlich auch die Lieder selbst, die den gesamten „Wettbewerb“ nicht mehr bewertbar machen. Ich habe jetzt nicht alle der Interpreten gehört, aber immerhin so viele, dass mir aufgefallen ist, dass die Stilrichtungen der Musik gänzlich verschieden sind. Im Grunde gibt es außer „Lied singen!“ doch keinen Kontext mehr, oder?
Da darf doch aber die Frage erlaubt sein, wie man etwas als „Contest“ Deklariertes mit dieser Freiheit und Willkür überhaupt denn bewerten möchte? Wie und woran sollen denn 25 Leute, mit 25 unterschiedlichen Liedern in unterschiedlichen Musikrichtungen gemessen werden?
„Die Brandenburgischen Konzerte sind zwar ganz gut, aber Sympathy for the Devil ist besser?“
„Deutschland unterstützt uns in Libyen nicht, also kriegen die Null Punkte?“
„Schweden hat ne tolle Stimme, aber Aserbaidschan hat dickere Titten?“
Korrigiert mich bitte, aber habe ich vielleicht eine völlig falsche Vorstellung davon, was ein „Wettbewerb“ ist und es ist letztlich gar nicht geplant, dass Chancengleichheit besteht? Es gibt für mich einfach kein erkennbares Maß, dass ein solches Sangestreffen zu einem wirklichen „Contest“ werden lässt. Die Achsen sind für mich einfach nicht beschriftet.
Wenn ich allerdings jetzt mit der Meinung konfrontiert werde, dass es doch egal sei, weil ja schließ- und schlussendlich der Spaß im Vordergrund steht, so muss ich dem natürlich durchaus zustimmen. Es ist Unterhaltung und es gibt keinen Grund, sich davon nicht unterhalten zu lassen, wenn man es denn möchte.
Was für den Skeptiker allerdings bei diesem Wettbewerb-der-keiner-ist etwas anstrengend wird, ist der mediengesteuerte, generierte Hype, den ich als mindestens genauso unangenehm empfinde wie die Entsorgung benutzter Kondome. Dort wird ein eigentlich schönes und niemanden störendes Ereignis soweit bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen, dass man das Gefühl bekommt, man bräuchte eigentlich nur eine Stecknadel, um den Ballon zum Platzen zu bringen. Nichtigkeiten, die Tagesthemen werden, fand ich schon immer irgendwie gruselig.
Selbst im Bekanntenkreis habe ich es in den letzten Jahren erlebt, dass geschätzte und gemochte Menschen die Sendung nicht einfach verfolgen, sondern auf den Zug der Hysterie aufspringen und – für ihr Alter und Lebensmodel – irrationale Dinge tun. Ähnliche Phänomene konnte ich auch bei anderen Sendungen beobachten, wo Frauen jenseits der Fünfzig über die Siegchancen „ihres“ Favoriten bei „Deutschland sucht den Superstar“ stritten, oder sich bereits vor dem Frühstück mit Teenies in Foren darüber austauschten, welchen Bikini die „kleine, Blasse“ im RTL-Menschenzoo heute wohl tragen wird.
Ich sage es nochmals: Ich habe nichts gegen diese Sendungen. Ich habe nur etwas gegen diese überdimensionale Vermarktung, die meine Freunde und Bekannten zu allesfressenden Zombies macht. Oder, um beim Kondom zu bleiben: Blast die benutzen Dinger nicht zu sehr auf… ;-)
Liebe Grüße,
Ingo