Da wir gestern so hübsch beim misslungenen Zubereiten von Speisen stehengeblieben sind, möchte ich dort anknüpfen und als Einleitung dazu die folgende Begebenheit präsentieren, die ich vor acht Jahren, während meiner Studienzeit in Oldenburg, erlebt habe. – Himmel, langsam sollte ich wirklich mal Kategorien einfügen und den Schmu hier ordnen…
Die Schlächterin
Manche Menschen, so meint man, seien zufällig entstanden. Als Gott kurz nicht aufgepasst hatte, da war es geschehen und nun müssen wir, die wir mutmaßlich willentlich erschaffen worden sind, mit ihnen umzugehen versuchen.
Da ist zum Beispiel diese Verkäuferin im Supermarkt, die sich zu Hause von ihrem Alten verprügeln lässt und mir die Bürde des Duldens und Erduldens zu übertragen versucht. Immer, aber auch immer, wenn ich an der Kasse stehe und gerade das Großmütterchen vor mir (das es sicherlich in seinem Leben nie einfach gehabt hat; die Wirtschaftskrise, dann der Krieg und dann auch noch die Demokratie) bezahlt hatte, nachdem es müh- und zeitselig seine Pfennige – oder Cents, wie es heute heißt – sortiert hatte, muss sich meine „Lieblingskassiererin“ einer ihrer Kolleginnen zuwenden und eine Frage äußern, die zu überleben es auch noch bis zur Mittagspause geschafft hätte. Komischerweise – das nur am Rande – stehe ich immer in der Schlange, die am längsten steht, ja, die sogar immer noch steht, wenn alle anderen Kunden längst das Gekaufte zu einem Mittagsessen verarbeitet haben. Wenn ich dann aber endlich meine Geldbörse zücke, um die Waren zu bezahlen und ohne auch nur den geringsten Zweifel über mein Glück aufkommen zu lassen, ja, wenn ich dazu endlich gekommen bin, dann schaut die Kassiererin mich angesichts eines Hundert-Euro-Scheins (den ich nun wirklich selten besitze; aber es kommt vor!) mit einer Mischung aus Unverständnis, Mitleid und schierem Zorn an. Meistens überwiegt Letztgenanntes. Das Wechselgeld wiederzubekommen, dauert dann meistens entsprechend lange und lässt mich die bösen Blicke der Kunden genießen, die eigentlich einem oder besser einer anderen vorbehalten sein sollten. – Nein, Einkaufen macht keinen Spaß, wenn man jedes Mal „Schuld und Sühne“ spielen muss.
Und da ich gerade vom Supermarkt rede: Eine – blöderweise wieder eine Frau – „Fleischereifachverkäuferin“ bringt mich meist noch bevor ich an der Kasse die Notwendigkeit dazu entdecke, zur Weißglut. Deutlich und ohne Anzeichen von Häme, äußere ich meinen Wunsch und werde hochgradig enttäuscht.
„Zwei Schnitzel bitte, wenn es geht, bitte mager und dünn geschnitten.“
Gelangweilt ergreift sie die kleine Forke und spießt hemmungslos und untrainiert die erstbesten, obenaufliegenden Fleischfladen auf, lässt sie unkontrolliert auf die Waage fallen, legt sich – dieses Mal antrainiert – Falten auf die Stirn, oberhalb der wissenden Augen und fragt, ob es sonst noch etwas sein solle. Fast kleinlaut versuche ich die Frau auf ihren Fehler aufmerksam zu machen, nicht ohne dabei zu vergessen, dass ich etwas von ihr möchte und nicht sie von mir.
„Ähm, könnten sie mir wohl die beiden Schnitzel geben, die da rechts neben dem Kasseler Nacken liegen?“ Ihre Falten bewegen sich gemeinsam mit den Augäpfeln wie die Wellen des Ozeans. Mit einer stinkigen Miene legt sie die eben genommen Schnitzel wieder auf das restliche tote Schwein und deutet vernichtend mit der Fleischergabel auf die von mir eben genannten, dünnen und mageren Schnitzel.
„Ja,“ höre ich mich sagen „wenn’s geht, genau die. Ja, die beiden!“
„Die sind aber auch nicht magerer“, höre ich sie zwischen dem diesmal noch unkontrollierterem Aufklatschen des Fleisches auf die Waage tonlos sagen und sehe mich angesichts der anderen wartenden und zahlenden Kunden genötigt, eine Antwort zu geben.
„Ich war mit dem Fleisch immer sehr zufrieden, aber“, ich versuchte zu scherzen: „je dünner, desto besser!“
„Wenn sie etwas Dünnes haben wollen, dann nehmen sie doch das Schweinefilet“ höre ich eine sarkastische Stimme, die – als sei es eine Anstrengung – gebannt auf die Abwaage starrt. „Das können sie sich selber schneiden!“
Mit leicht selbstkritischer Beobachtungsgabe fiel mir auf, dass bei schneiden ein kurzer Blitz durch meine Augen fuhr und schneiden mir – an diesem Punkt des sinnlosen Dialoges angekommen – ziemlich viel Freude bereitet hätte.
Natürlich konnte diese Fleischfachverkäuferin keine Gedanken lesen und so musste ich abermals meine liebevolle Stimme auf sie wirken lassen:
„Wenn ich Schweinefilet wollte, so hätte ich auch Schweinefilet gesagt. Alles was ich im Moment gerne hätte, wären zwei dünn geschnittene und magere Schnitzel.“
„Unsere Schnitzel sind alle gleich mager und gleich dünn geschnitten!“ kam als verständnislose Antwort und eigentlich hätte sie Bestätigung finden müssen, in den Blicken der Blinden hinter mir an eben diesem Fleischerstand, doch wollte sie ihren Orgasmus wohl noch etwas hinauszögern.
Wieder fühlte ich mich aufgefordert, etwas zu entgegnen, doch was mochte man schon sagen, wenn die Gegenargumente keine sind und wenn Trost nur in der schnellen Flucht zu finden ist?
Ich versuchte es mit Beherrscht- und –harrlichkeit: „Gute Frau, mir fällt ein kleiner Unterschied unserer Ansichten auf. Zwischen dem Schnitzel, dass ich sie bat, zu nehmen und dem, das sie mir anboten, besteht ein Unterschied wie er zwischen Tag und Nacht nicht größer sein könnte. Ihres, was ohne Zweifel auch sehr schmackhaft sein mag, misst ca. 1,5 Zentimeter in seiner Höhe, während meines, also das von mir bevorzugte, etwa nur die Hälfte dessen beträgt.“
Wäre ich an dieser Stelle auf die Faserung eingegangen, die gute Frau hätte mich mit ihrer Fleischergabel tot-gepiekt. Unter äußerster Anspannung stehend, registrierte ich das erste Gemurmel und über die Schulter blickend auch die ersten bösen Blicke. Da war wieder das Großmütterchen, das seit Zwölf Jahren hier einkaufte und stets sei alles nach des Führers Wunsch gewesen, da war auch die adrette, durchgestylte Emanze, die Tier nur für ihre Gäste kaufte, und nicht zu vergessen, war da auch die ansonsten gutmütige, beleibte Hausfrau, Mutter dreier Kinder, die schließlich andere Pflichten hatte, als dass sie ihre Zeit an der Fleischtheke vertrödeln konnte und mochte. Ja, das Volk um mich herum hatte es wahrlich nicht leicht.
Umso ernster spitzte sich die Lage für mich und um mich und natürlich die von mir erbetenen Schnitzel zu. Ehrlich gesagt, war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich sie überhaupt noch würde genießen können, wenn sich der Kauf schwerer noch als die steinzeitliche Jagd entwickelt hatte.
Von ihr kam keine Antwort. Jedenfalls keine verbale. Da stand sie also mit leicht angewinkelten Armen, die Forke immer noch in der wurstigen Hand, vor mir, hinter ihrem Wall aus Glas und totem Fleisch, Burgherrin, größer noch, Herrin und Allweisheit über dieses, ihr Territorium und die blutbefleckte Schürze war ihre Robe, das verwaschene Häubchen stolz getragene Tiara.
Gerade im Gedanken, Blitze aus meinen Augen zucken zu lassen und die als Folge dieser Naturgewalt gerösteten Fleischbrocken, die einst Burgfräulein waren, zwischen Gyros und eingelegtem Holzfällersteak einzusortieren, geschah das Wunder, das ich nicht einmal erbeten hatte.
Aus seinem gekachelten Verwurstungszimmer schritt der Fleischermeister hinter die Theke, in Händen ein großes Tablett mit frisch zerkleinertem Getier. Für den Moment, da er es in der Auslage drapierte, ruhten alle Blicke auf ihm und langsam, ganz langsam, sank das Zornbarometer aller Beteiligten, in Ehrfurcht erstarrt, vielleicht, weil der Fleischer ob seiner Statur den Eindruck hinterließ, er habe die gut 20 Pfund Fleisch, die er wie den Kopf eines Drachen als Trophäe in den Raum getragen hatte, selbst mit der Faust erschlagen, ausgeweidet und das rohe, noch pulsierende Herz des Tieres verspeist.
Während mancher Blick noch auf den Oberarmen des Drachentöters ruhte, hob dieser seinen Kopf, sah und erkannte mich als einen treuen Kunden, wischte eiligst seine Hände an der Schürze und reichte mir mit einem Lächeln die Hand über den Glaswall hinweg zum Gruße.
Dem Smalltalk und der Einladung zum privaten Schlachtefest im Oktober schloss sich die Frage an, ob ich denn schon „bekäme“. Mit einem triumphierenden Lächeln in Richtung der um ihre Burg beraubten Edelfrau entgegnete ich für alle Erstarrten hinter mir in der Schlange gut hörbar: „Nein!“
Das Vergnügen und die diabolische Genugtuung trugen einen leichten Sieg über Zorn und Menschenekel in mir davon, als der Meister seine Hände suchend in den Tiefen des ihm wohl bekannten Fleischberges verschwinden ließ, um kurz darauf das erste, dann nach einem weiteren fachmännischem Griff das zweite Schnitzel hervorzuzaubern. Schöner, edler, magerer und dünner noch als die von mir favorisierten, oben aufliegenden Stücke, waren dies die Schnitzel, die es verdienten zum Ambrosia gereicht zu werden.
Mit der fast mahnenden Erinnerung: „Im Oktober, ich sag’ dann noch mal Bescheid!“ reichte mir mein Retter, mein Held, mein Drachentöter und Chef über alle Burgfräulein die kleine Plastiktüte, lächelnd, kumpelhaft; Danke schön!